Der Untote im Fitness-Studio

19. März 2007, 18:20
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Graz hat ihn nach sechs Jahren wieder und buht ihn diesmal nicht aus: Regisseur Konwitschny erzählt uns seine Weltsicht und ganz nebenbei auch noch den "Fliegenden Holländer"

Graz – Vor sechs Jahren katapultierte er die Grazer Opernbühne mit Verdis Falstaff zum Opernhaus des Jahres, nun ging er mit Wagners Fliegendem Holländer (koproduziert mit Moskau und München) erneut am Murufer vor Anker. Seltsam genug: Sein Name lässt Konventionstreue noch immer mit den Zähnen klappern – aber warum eigentlich? Gewiss: In früheren Jahren hat Peter Konwitschny seinem Publikum schon mal den Vogel gezeigt und die Buhs vielleicht sogar manchmal genüsslich in sich aufgenommen. Aber irgendetwas muss er jetzt falsch gemacht haben, schlug ihm doch nicht das leiseste Bühchen entgegen. Sichtlich gerührt, beinahe irritiert stand er da und war mit Huldigungen konfrontiert. Verkehrte Welt!

Konwitschny beschäftigt seine Dramaturgen mit Vorliebe auf der Metaebene, vordergründige Aktualisierungen waren seine Sache nie – das muss man ihm konzedieren. Und wenn er dann doch in seichtere Gewässer gerät, hat die Sache meist einen hintergründigen (Anker-)Haken; nämlich dann, wenn Tragisches plötzlich heiter wirken darf. Und umgekehrt. Wenn der modrige Wiedergänger mit einem versifften Seekoffer den Fitnessklub betritt, sich einen Weg durch die Hometrainer bahnt und Senta einen verstaubten Brautfetzen samt Schleier aus dem 16. Jahrhundert umhängt, hat das was Grotesk-Komisches, genau so wie der von ihm im ersten Monolog beschworene Schicksalsengel, der plötzlich als Blondchen da steht und dem lebensmüden Seefahrer nicht nur den Zigarrenrauch ins Gesicht, sondern den Seemannen auch den ersehnten Südwind bläst.

Der Glaube fehlt

Ausstatter Johannes Leiacker dekonstruiert mit seinen doppelbödigen Tableaus immer wieder die Ebenen von Ort und Zeit: greller Naturalismus kontrastiert mit ironisierendem Historismus. Bestimmte Wesenszüge machen den Regisseur durchaus zum Seelenverwandten des auf den Weltmeeren herumirrenden Untoten. Immerhin ist beiden der Glaube an das Zusammenkommen von Männlein und Weiblein abhanden gekommen. Und beide scheinen auf dem ihnen zustehenden Maß an Unglück zu bestehen.

Denn seinem zigfach erprobten Privatmanifest zur Psychopathologie der Liebe bleibt Konwitschny auch hier treu: Mann fürchtet sich vor Frau, deswegen kann es einfach kein Glück geben. Und weil diese Situation zwischen den Geschlechtern Ursache aller Weltkonflikte ist, hat keiner am Ende die geringste Chance auf Erlösung.

Denn da wird’s richtig ernst, weil auch Senta endgültig die Schnauze voll hat und als Einzige nicht kneift – und folgerichtig auch auf den Opfersprung in die Nordsee verzichtet. Sie handelt lieber nach der Wittgenstein’schen Maxime – "Die Lösung eines Problems merkst du am Verschwinden desselben" –, entzündet ein Pulverfass und sprengt gleich die ganze Partie samt Opernhaus in die Luft! Effizienter könnte frau diesen Konflikt nicht lösen! Doch dieser coup de théâtre ist noch nicht das Ende: vor schwarzer Bühne erklingen die letzten Takte als Nachspiel aus einem mickrigen Lautsprecher.

Ausnahmslos alle Darsteller (auch Chor und Statisten) nehmen an diesem Nichterlösungsspiel engagiert teil. Robert Hale ist ein kraftvoller Holländer mit viel vokalem Charakter, der das Unheimlich-Wächserne und Leidvolle überzeugend transportiert. Makellos in den dramatischen Höhen wie in den träumerischen Piani Christiane Libor als Senta. Überzeugend auch Edward Randall als verzweifelter Erik, Bernd Hofmann als schlauer Einfädler Daland, Marlin Miller als ein Steuermann der großen Gesten und Fran Lubahn als herrlich aufgewertete Amme Mary.

Bravourös auch der Opernchor (Einstudierung: Matthias Köhler) und: Johannes Fritzsch sorgt in der durchgängigen Originalfassung von Beginn an für Gestaltungswillen im Orchestergraben und scheut auch keine Forti. Der neue Musikchef ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wer zurzeit in Graz das musikalische Sagen hat. (Peter Stalder/DER STANDARD, Printausgabe, 20.03.2007)

  • Der ruhelose Seefahrer (Robert Hale).
    foto: grazer oper

    Der ruhelose Seefahrer (Robert Hale).

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