Die Keuschheit der Rädertierchen

30. März 2007, 18:08
32 Postings

Sie haben der Sexualität abgeschworen, existieren nur in der weiblichen Form und sind dennoch in der Lage, richtige Arten zu bilden

Eine bestimmte Gattung von mikroskopisch kleinen Rädertierchen wirft evolutionäre Leitsätze über den Haufen. Denn sie haben der Sexualität abgeschworen, existieren nur in der weiblichen Form und sind dennoch in der Lage, richtige Arten zu bilden.


Washington – Sie sind fast überall, doch kaum jemand kennt sie: Rädertierchen (Rotatoria) leben in Tümpeln, auf feuchtem Moos, in Blumentöpfen und sogar in den eiskalten Seen der Antarktis. Zoologisch gesehen gehören die 0,04 bis knapp 2 mm langen Überlebenskünstler zu den Rundwürmern (Aschelminthes). Biologiestudenten begegnen ihnen irgendwann im Laufe ihrer Ausbildung unter dem Mikroskop und sind verblüfft über die Geschwindigkeit, mit der Rädertierchen durch das Wasser rotieren.

Dennoch beschäftigen sich nur wenige Wissenschafter intensiver mit den Kleinstlebewesen. Wer hätte sich auch denken können, dass diese Winzlinge einen der wichtigen Glaubensgrundsätze der Evolution ins Wanken bringen könnten, wie eine neue Untersuchung belegt?

Eine Teilgruppe der Rädertierchen, die Bdelloidea, zeichnet sich nicht nur durch die Fähigkeit zur Kryptobiose aus, also dem Überdauern lebensfeindlicher Bedingungen in einem Zustand der Trockenstarre. Diese Tiere haben vor schätzungsweise 100 Millionen Jahren jeglicher Form der Sexualität abgeschworen und pflanzen sich nur noch parthenogenetisch fort. Was nichts anderes bedeutet als mittels unbefruchteten, sich selbständig entwickelnden Eiern.

Arten ohne Männchen

Männchen sind bei den rund 380 Bdelloiden-Arten unbekannt. Nach den gängigen Vorstellungen ist ein solches Matriarchat eine evolutionäre Sackgasse. Ohne Sex und der damit gekoppelten Rekombination des genetischen Materials können sich – so lautet ein Grundsatz der Evolutionsbiologie – schädliche Mutationen anhäufen. Außerdem werde die Bildung von neuen, besser angepassten Arten unterbunden, weshalb solche Arten eher zum Aussterben verdammt sind. Die Bdelloiden scheren sich offensichtlich nicht um solche biologischen Leitsätze, weshalb ihre artenreiche Existenz auch schon ein "evolutionärer Skandal" genannt wurde.

Der britische Biologe Timothy Barraclough vom Imperial Kollege in London ist dem Rätsel der Diversifizierung dieser keuschen Rädertierchen auf den Grund gegangen. Zusammen mit einigen italienischen Kollegen der Universität Mailand analysierte er spezifische DNA-Sequenzen von Bdelloiden der Gattung Rotaria aus verschiedenen Lebensräumen und gruppierte die untersuchten Tiere nach Ähnlichkeit ihres genetischen Materials.

Zusätzlich verglichen die Forscher die Struktur der Kieferapparate. Für die Datenauswertung entwickelten sie neue mathematische Modelle und sogar eine eigene Software. Das Ergebnis, das nun im Internet von der Fachzeitschrift PloS Biology publiziert wurde, bestätigt anfängliche Vermutungen.

Die meisten der untersuchten Rotatoren ließen sich sowohl genetisch als auch in Bezug auf ihren Kieferbau klar den bisher bekannten "Arten" zuordnen, die man bislang lediglich anhand von äußeren Merkmalen definiert hat. Mit anderen Worten: Es handelte sich um "echte" Spezies im biologischen Sinne und nicht um Abkömmlinge einer einzigen Art, wie man es bei einer ungeschlechtlichen Fortpflanzung vermuten würde.

Natürliche Auslese und Anpassung

"Die Entwicklung der verschiedenen Bdelloiden-Arten ist offensichtlich eine Folge von natürlicher Auslese und Anpassung an bestimmte ökologische Nischen", erklärt Timothy Barraclough gegenüber dem Standard.

Diese Faktoren spielen auch bei der Neubildung von sexuell agierenden Spezies eine wichtige Rolle, jedoch immer gekoppelt mit der Abgrenzung zu anderen Arten durch Fortpflanzungsbarrieren und Austausch von Genen zwischen Individuen. Was die Bdelloiden nicht nötig haben. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.3. 2007)

  • Bdelloiden
bilden sowohl
genetisch wie
auch
hinsichtlich
ihrer Kieferwerkzeuge
eine
eigene Spezies,
obwohl sie sich
geschlechtslos
fortpflanzen.
    foto: standard/t. barraclough

    Bdelloiden bilden sowohl genetisch wie auch hinsichtlich ihrer Kieferwerkzeuge eine eigene Spezies, obwohl sie sich geschlechtslos fortpflanzen.

Share if you care.