Einzelgänger von Beruf

19. März 2007, 17:36
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Nachdem sie Teilhabe an ihrem Dasein gewährt, ihre Ansichten kundgetan haben, setzen Protagonisten und Protagonistinnen von Dokumentarfilmen ihr Leben meistens abseits der Kameras fort: Neue Dokus von Horvath und Burger

Jene einmal aufgezeichneten Momentaufnahmen bleiben dann für alle Zeit stehen, denn nur selten geschieht es, dass jemand Jahrzehnte später Nachschau hält: Nun hat der österreichische Fotograf und Filmemacher Andreas Horvath (Silence of Green; This ain’t no Heartland) den Titelhelden von Krzysztof Kieslowskis kurzer dokumentarischer Studie Night Porter’s Point of View (1977) noch einmal aufgesucht:Marian Osuch, einst als prototypischer Exponent eines autoritär organisierten Staats- und Gesellschaftsgefüges ausgewählt und porträtiert, ist inzwischen pensioniert und verwitwet.

Was er über Ordnung im Allgemeinen, sein "Hobby" Kontrollieren oder seine Kinovorlieben ("Cowboyfilme") zu sagen hat, unterscheidet sich kaum von seinen Aussagen vor dreißig Jahren. Der Film löst jedoch die Stimme vom Körper des Sprechenden: Während das ehemalige Aufsichtsorgan zu Hause in seinem Zimmer erzählt, macht sich die Kamera selbstständig, sucht sich zwischen Fernseher, Fototapete und Plastiktischtuch ihre Motive, und der Raum erscheint immer mehr wie ein UFO, das sich mitsamt seiner Einmannbesatzung in ganz eigenen raumzeitlichen Koordinaten bewegt.

Marijan heißt auch der Protagonist von Joerg Burgers jüngstem Dokumentarfilm Unter Beschlag. Auch hier begegnet man einem Mann in einer vergleichbaren Lage, auf verlorenem Posten,auf einem Schiff im Hafen von Neapel, das dort seit siebeneinhalb Jahren vor Anker liegt. Der Maschineningenieur ist geblieben, in einer Mischung aus Wahrung der eigenen ökonomischen Interessen, Verantwortungsgefühl und Starrsinn – inzwischen sind Wartung und Warten längst in eins gefallen. Der Lohn, der ihm zusteht, steht aus. Die Kontakte zur Familie sind mehr oder weniger abgebrochen. Er arbeite auch, meint er, um nicht den Verstand zu verlieren.

Das gestrandete Schiff ist quasi zu einer abgeschotteten Insel mutiert, der Seemann deren einziger Bewohner. Die visuelle Strategie von Burger passt sich diesem Setting an: Lange, statische Aufnahmen, in denen sein Gegenüber spricht oder man ihm bei seinen Arbeiten zusieht, dominieren. Am Ende steht zu lesen, dass er noch auf Klärung hofft ... (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 20.03.2007)

"Unter Beschlag": 20. 3., kiz, 22.30; Wh.: 24. 3., Schubert 2, 22.45; "Views of a Retired Night Porter": 20.3., Schubert 1, 11.00; Wh.: 22. 3., 16.00

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