Günter Grass: Sommer 2006 war ein "Vernichtungsversuch"

19. März 2007, 14:15
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"Mediale Inszenierung" nach Waffen-SS-Eingeständnis sei an "Niedertracht" nicht zu überbieten gewesen - In Neuerscheinung "Dummer August" verarbeitete er damalige Emotionen

Behlendorf - Günter Grass hat die Medienberichterstattung im Sommer 2006 über seine Jugend-Biografie "Beim Häuten der Zwiebel" als "Vernichtungsversuch" empfunden. Die Form der Kritik an seinem späten Eingeständnis, als 17-Jähriger die letzten Kriegswochen noch bei der Waffen-SS gewesen zu sein, habe ihn tief verletzt, sagte der Nobelpreisträger (79) am Montag im Interview mit dem dpa- Reportagedienst. Er sei Vorwürfe gewohnt. "Das Ausmaß, es grenzte diesmal an einen Vernichtungsversuch." In seinem am Montag erschienenen Lyrikband "Dummer August" hat er seine damaligen Empfindungen - Scham, Ekel, Wut - in Gedichten, Lithographien und Zeichnungen verarbeitet.

Unterstützt durch seine Frau und viele Freunde, die ihm beistanden, habe er die Kraft gehabt, "die Gefahr des Verstummens" abzuwenden und weiterarbeiten zu können. Die Arbeit an dem Lyrikband während der öffentlichen Debatte habe ihm geholfen, die Situation durchzustehen. Die "mediale Inszenierung" in Deutschland sei an "Niedertracht" nicht zu überbieten gewesen. Dagegen seien in England, Frankreich, Polen oder Amerika differenzierte Artikel erschienen. "Mir hat dieses ferne Echo geholfen, der Umgang mit meinem Buch war sachlich und respektvoll."

Grass als "Dummer August"

Auf die Frage, warum er sich als "Dummer August" be- und gezeichnet habe, sagte Grass: "Ich gehe vom Bild mit dem spitzen Hut aus, das daran erinnert, was den "armen Sündern" während der Zeit der Inquisition widerfuhr. Ihnen wurden solche spitzen Hüte aufgesetzt. So ist auch meine Lithographie gestaltet, die zu diesem Gedicht entstanden ist."

Die Resonanz der Leser auf das Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" war außergewöhnlich groß. "Ich habe noch nie zu einem Buch so viele Leserbriefe bekommen", betonte der Schriftsteller. Alte Männer und Frauen hätten geschrieben, mit Hilfe des Buches zum ersten Mal in der Lage gewesen zu sein, mit Kindern oder Enkeln über ihre Kriegserlebnisse zu sprechen. Und umgekehrt hätten junge Leute betont, dass der Großvater erstmals mit ihnen über den Krieg gesprochen habe. "Ich glaube, es ist etwas Wunderbares, wenn ein Buch sozusagen beim Leser die Zunge löst." (APA/dpa)

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