"Iklimler": Türkische Jahreszeiten, heute

19. März 2007, 13:04
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Wandel der Geschlechter-
verhältnisse in der Türkei: Nuri Bilge Ceylans "Iklimler", jetzt im Kino

Wien - Ein Junge und ein Mädchen auf einem Motorrad: Was unter dem Motto "Boy meets girl" im Kino schnell zum Sinnbild emphatisch erlebter Gemeinsamkeit wird, kippt mit vorgerücktem Alter der Protagonisten bisweilen wortwörtlich. Siehe Nuri Bilge Ceylans jüngsten Spielfilm Iklimler, wo ein Mann zunehmend selbstvergessen in die Ferne sieht, während er das Motorrad auf einer Küstenstraße beschleunigt, bis seine Frau mit einer jähen Bewegung vom Rücksitz aus das Vehikel zum Sturz bringt.

Auf das jähe Ende eines gemeinsamen Sommers folgen in Iklimler (zu Deutsch: "Jahreszeiten"/"Stimmungen") ein nasskalter Herbst und schließlich ein frostiger Winter des Unbehagens.

Heftig-mechanisch

Der Mann, Fotograf und Archäologe (dargestellt vom Regisseur selbst), versucht durchaus stoisch, eine manifest gewordene Isolation zu kompensieren: Heftig, aber mechanisch krallen sich Körper beim Seitensprung ineinander. Die Frau (Ebru Ceylan) wiederum, von Beruf Filmproduzentin, arbeitet derweilen an historischen Kino- und TV-Dramen, in denen man weit gehend noch gar nicht zur Kenntnis nimmt, dass auch in der Türkei die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern grundlegend im Wandel begriffen sind.

Iklimler erzählt über diesen Wandel, ohne "politische" Dialoge für einen Zustand erfinden zu müssen, in dem die Verhältnisse noch weit gehend unartikuliert bleiben. Wie zuletzt schon in Uzak porträtiert Nuri Bilge Ceylan lakonisch eine Türkei, deren Gesellschaft ähnlich inhomogen ist wie unvermittelt einander gegenüber gestellte Landschaften: Zuerst mediterrane Altertümer und Steinküsten in prallem Sonnenlicht, dann Istanbul, hier eine ganz alltägliche europäische Metropole, und schließlich gebirgiges, bäuerliches Hinterland. Es gehört zu den wesentlichen Meriten dieses Meisterwerks, dass es im Einsatz digitaler Kameratechniken an Raumtiefe und Lichtstimmung noch gewinnt - was man bis dato fast ausschließlich dem konventionellen Filmmaterial zugestanden hätte.

Iklimler, das ist ein Film, der bis in die Materialität der Bilder hinein von einem Hier und Jetzt erzählt und gleichzeitig überreich ist an kunst- und filmhistorischen Verweisen. "Boy meets girl" - das war einmal. Das letzte Wort, es lautet, aus dem Off gerufen, knapp: "Schnitt!" Im Kino sind solche Schnitte aber mitunter sehr lebendig und produktiv. (Claus Philipp, DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2007)

  • "Iklimler" mit Nuri Bilge und Ebru Ceylan
    foto: stadtkino

    "Iklimler" mit Nuri Bilge und Ebru Ceylan

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