Dort, wo die Mädels sind

18. März 2007, 19:12
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James Murphy alias LCD Soundsystem legt mit "Sound Of Silver" ein Meisterwerk vor - Sein Wissen um die Vergangenheit definiert die Zukunft

Wien - Die Frage nach der Verortung des Pop ist noch nicht sehr alt. Immerhin galt diese Kultur lange als unmittelbar mit dem virilen Sturm und Drang der Jugend verbunden, wurde also meist diffus als "weit vorne" - oder eben bei den Mädels vermutet.

Seit sich Pop jedoch zusehends seiner Traditionen und Geschichte bewusst wird, fällt die Standortbestimmung schwieriger und entsprechend seiner vielen Spielarten differenzierter aus. Dazu kommt die Erfahrung, dass selbst das scheinbar Neue oft nur "neu aufgewärmt" bedeutet. Seit Techno als letzte große Zäsur in avantgardistischer Tradition tatsächlich Neuland erschlossen hat, herrscht zwar nicht gerade Stillstand, große Veränderungen finden aber kaum mehr statt.

Obsessiv versiert

Das spiegelt auch die prosperierende Revivalkultur der Nullerjahre wieder. Doch man kann musikalisch durchaus vergangenheitsbewusst agieren, ohne deshalb gleich retro zu sein: Der New Yorker James Murphy führt als Ein-Mann-Projekt LCD Soundsystem prototypisch vor, wie ein musikhistorisch versierter Künstler - weniger blumig: ein obsessiver Musikfreak - aus seinem Wissen die zurzeit aufregendste Gegenwartsfacette am Planeten Pop entwirft und damit in die Zukunft weist. Eine Einschätzung, die sich seit 2002, als Murphy mit dem autobiografisch gefärbten Track I'm Losing My Edge debütierte, umfassend bestätigte und den sein Nerdtum mit viel Hingabe inszenierenden früheren Studiotechniker und heutigen Chef des angesagten DFA-Labels zu einem der begehrtesten Produzenten des Business machte.

Der Mainstream-Darling Justin Timberlake ersuchte ihn ebenso um Remixgnaden wie Britney Spears - letztere schickte Murphy jedoch mit einem negativen Bescheid in die Wüste. Nun hat der Mittdreißiger mit Sound Of Silver (EMI) sein zweites Studioalbum veröffentlicht, das seinen Ausnahmestatus eindrucksvoll festigt. Die Verwegenheit, mit der Murphy an der Schnittstelle von Disco, Punk und Funk operiert, zeitigt Ergebnisse, die schlicht mitreißend sind.

Infizierend

Murphys Arbeitsansatz erreicht bereits bei der Eröffnungsnummer Get Innocuous! einen Höhepunkt: Mit großer Verve errichtet er den Song um eine Melodie aus Die Roboter der deutschen Techno-Pioniere Kraftwerk, empfindet den Gesang von David Byrne (Talking Heads) ebenso nach wie jenen von David Bowie und schafft damit einen siebenminütigen, infizierenden Monstertrack.

Die Kunst des Zitats ist zwar nicht gerade ein aufregend neuer Zugang - Murphys Inspiriertheit, sein Humor und eben sein briefmarkensammlerisches Detailwissen setzen in Kombination aber tatsächlich so etwas wie Magie frei. Dabei gibt es Legionen anderer Produzenten, die ähnlich arbeiten. Doch niemand schöpft aus seinen Möglichkeiten so subtile Ergebnisse wie Murphy, dessen Talent deshalb schon verklärend mit Geheimwissen "erklärt" wurde. Andere Beobachter vermuteten gar, er habe, wie einst das mythenumrankte Blues-Genie Robert Johnson, seine Seele dem Teufel verkauft, um derartige Musik schaffen zu können.

Dabei geht es bei Murphy durchaus profan zu: In Someone Great verarbeitet er den Tod eines Freundes, North American Scum thematisiert die Selbst- und Außenwahrnehmung von Amerikanern, seit George W. Bush im Weißen Haus sitzt, und das das Album beschließende New York, I Love You But You're Bringing Me Down verhandelt schlicht und ergreifend das Leben eines älter werdenden Hipsters im Big Apple, in dessen Dasein plötzlich das Familienidyll einbricht: ein Bein im Leben, eines im Club.

Brennend heiß

Mit dem LCD Soundsystem übersetzt er diese Dichotomie mit all ihren verwirrenden Begleiterscheinungen - in seinem Fall kommen auch noch Ruhm und Popstar-Status hinzu - begnadet und unprätentiös. Und ganz nebenbei fällt auch die Antwort auf die Frage ab, wo Pop heute noch brennend heiß ist: im genialisch entworfenen Mikrokosmos des LCD Soundsystem! (Karl Fluch, DER STANDARD print, 19.3.2007)

  • Der New Yorker Musikfreak James Murphy definiert mit seinem LCD Soundsystem, wo im
zeitgenössischen Pop "vorne" ist
    foto: emi

    Der New Yorker Musikfreak James Murphy definiert mit seinem LCD Soundsystem, wo im zeitgenössischen Pop "vorne" ist

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