Die Wirtschaft hadert mit Klischees

30. Juli 2007, 13:30
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Die beliebtesten Lehrberufe und solche mit Zukunftschancen sind nicht immer dieselben - Teil 2 der STANDARD-Serie

In Boombranchen wie Maschinenbau und Elektronik werden gute Lehrlinge heute händeringend gesucht. Doch bei der Auswahl des Lehrberufes fallen noch immer viele in Klischees zurück.

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Wien - Auch mehr als ein halbes Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende, nach mehreren "Lehrlingsoffensiven" und Informationskampagnen öffentlicher Stellen und großer Firmen, sind die Rollenbilder unter den heimischen Lehrlingen festgefahren wie eh und je.

Per Stichtag Silvester 2006 befinden sich laut Statistik 24,5 Prozent aller weiblichen Lehrlinge in Österreich, das sind 10.305 junge Frauen, in einer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. 13 Prozent (5476) lassen sich zur Friseurin, Perückenmacherin, Stylistin heranbilden. 12,5 Prozent (5262) wollen Bürokauffrau werden. Unter den ersten 25 der beliebtesten Berufe, die von weiblichen Lehrlingen ergriffen werden, finden sich nur Malerin und Anstreicherin auf Platz 16 (0,9 Prozent, 386 Personen) und die Tischlerei auf Platz 20 (0,7 Prozent, 294) als Berufe, die nicht als typisch zu klassifizieren sind.

Wenig Chancen für Friseurinnen

Bei den beliebtesten Berufen passiert es allerdings nicht selten, bekritteln Arbeitnehmervertreter, dass die Mädchen während ihrer Lehrzeit lediglich als "billige Hilfskräfte" eingesetzt werden und nach der Beendigung der Lehre ohne Job dastehen. Die Aufnahmefähigkeit des Marktes für Friseurinnen ist mittlerweile erschöpft.

Bei den Burschen passen die Stereotypen ebenfalls, wenngleich nicht dermaßen viel Gewicht auf nur drei Berufen liegt: 8,3 Prozent oder 6996 junge Männer befinden sich in einer Ausbildung zum Kraftfahrzeugtechniker, 5,9 Prozent (4987) wollen Elektroinstallateur werden, 5,2 Prozent (4385) sind im Einzelhandel, 4,9 Prozent (4100) in der Maschinenbautechnik, weitere 4,7 Prozent (3937) in der Tischlerei sowie 4,6 Prozent (3899) als Koch tätig. Die viel gesuchten Mechatroniker - also die Verbinder von Maschinenbau, Informatik und Elektronik - finden sich in der Beliebtheitsskala auf Platz 19 (1,2 Prozent, 992). Die Zerspanungstechniker - also jene Dreher und Fräser, die aktuell wie die Schweißer als ausgelernte Facharbeiter fehlen und deren Kollegen aus dem Ausland ab April ins Land geholt werden sollen - liegen auf Platz 22 (1,1 Prozent, 944).

Laut Arbeiterkammer-Mann Christoph Klein achteten zu viele Jugendliche zu wenig auf eigene Neigung und Fähigkeiten. Sie hörten vielmehr zu sehr darauf, was Eltern oder Gleichaltrige bestimmen. Berufsorientierung sollte nicht zuletzt deswegen in den Schulen zu einem Standardfach werden. Dies sollte gekoppelt werden mit der Information darüber, welche Qualifikationen im Land nachgefragt und gut bezahlt und welche im Übermaß vorhanden und eher schlecht bezahlt sind.

Konkurrenz zu Fachschule

Generell gilt: Fachleute und somit auch Lehrlinge werden in jenen Berufen verstärkt nachgefragt, in denen sich der Standort Österreich im globalisierten Wettbewerb bereits gut positioniert hat - und dies geschlechterunabhängig. Das Schlagwort heiße "Hightech-Lehrberufe, alles was mit Maschinenbau, Automation, Elektronik oder Qualitätsmanagement zusammenhängt, wird weiter an Bedeutung gewinnen", sagt dazu der Regierungsbeauftragte für Lehrlingsausbildung, Egon Blum. Im Technikerbereich steht die Lehre eindeutig in Konkurrenz zu Fachschule und HTL. Die Schulen gewinnen aus Prestigegründen oft den Wettlauf um die besten Köpfe und Hände, obwohl vielen Jugendlichen ein praxisorientierter Ansatz um einiges mehr liegen würde. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.3.2007)

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    6996 junge Männer befinden sich in einer Ausbildung zum Kraftfahrzeugtechniker - 8,3 Prozent aller männlichen Lehrlinge.

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