Echte Exzellenz verzichtet auf Exzellenz

18. März 2007, 18:37
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Die "Elite-Universität" in Maria Gugging soll ein Ort für exzellente Forschung werden. Was ist zu tun? Ein Nobelpreisträger gibt Ratschläge.

Wien - Was war das nicht für ein Worttheater in Großmannssuchtmanier: Es konnte nicht ambitioniert genug klingen. "Elite" sollte es sein. Exzellenter als nur exzellent: Die schwarz-blau-orange Regierung verordnete Österreich im Februar 2006 eine "Elite-Universität". Im idyllischen Maria Gugging, das "von der Stadt nach Klosterneuburg" in nur "vierzehn Minuten" erreichbar sei, wie der damalige Kanzler den Kritikern einer in weiten Teilen als suboptimal empfunde- nen Standortentscheidung ausrichtete. "Maria Gugging" ward fortan nur noch "Klosterneuburg" genannt.

Jetzt ist ein Jahr vergangen - und alles wurde ein bisschen kleiner und damit wohl auch realistischer: Von einer "Universität" traut sich keiner mehr zu sprechen, der weiß, was eine Universität eigentlich ist. Auch die "Elite" wird nicht mehr zitiert. Den ehrwürdigen Namensgeber, den die politischen Gründerväter gern auf dem Türschild stehen gehabt hätten - "Wittgenstein" - nahmen dessen Nachfahren aus dem Spiel. Und die "University of Excellence" alias AIAST/AIST/ISTA wurde auf "IST-Austria" (Institute of Science and Technology Austria) gesundgeschrumpft.

Der Starttermin ist noch ungewiss. Der Chef des Executive-Committees, Haim Harari, langjähriger, höchst erfolgreicher Leiter des renommierten Weizmann-Instituts in Israel, rät zu Langmut: Frühestens im April 2008 werden die ersten Gebäude fertig, dann heißt es zu warten, der Weg bis zur anvisierten Weltspitze dauere mindestens zehn Jahre.

Und dann? Exzellenz, die vom Himmel fällt? Geldregen? Wie wird etwas exzellent, das exzellent werden soll?

"Es ist Geld, zweifellos, aber nicht nur", sagte einer der drei Initiatoren des Forschungsinstituts, Physiker und FWF-Aufsichtsratsvorsitzender Arnold Schmidt, am Wochenende. Er diskutierte in der Reihe "Wissenschafter im Gespräch" im Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog mit einem berufenen Gast die Frage: "Wie entstehen Zentren wissenschaftlicher Exzellenz".

Geld und Sonne "Das Wort exzellent werde ich nicht verwenden." Sprach just ein Mann, dessen Lebenswerk man ohne das Wort exzellent gar nicht beschreiben kann: Walter Kohn, Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1998. Der 84-jährige von den Nazis aus Wien vertriebene und in den USA gelandete Wissenschafter, sprach diesen Satz mit der altersweisen Einsicht eines Menschen aus, der diese Exzellenz nicht nur selbst idealtypisch verkörpert, sondern ihr auch an verschiedenen Orten der Welt zur Realisierung verholfen hat.

So wie zuvor schon Arnold Schmidt empfohlen hatte, ",University of Excellence' aus dem Sprachgebrauch zu streichen und von einem Forschungsinstitut zu sprechen, das höchstes Niveau anstrebt", plädierte auch Kohn mehr für inhaltliche Exzellenz denn für exzellente Etiketten außen.

Unabhängigkeit

Kohn, der Mathematik und Physik in Toronto und Harvard studierte und zuletzt an der University of California in Santa Barbara Physik-Professor war, nannte als exzellenzförderndes Elixier: "Unabhängigkeit. Sie ist eines der wichtigsten Kriterien. Unabhängigkeit des einzelnen Forschers, selbst wenn er nur 23 Jahre alt ist - wenn er es verdient. Das ist in Amerika normal. Das findet man in Europa weniger."

Das sei ein Grund, "warum es die Amerikaner schaffen, das humane Talent der ganzen Welt anzuziehen", wie Arnold Schmidt gefragt hatte. Unabdingbarer Nährboden für exzellente Forschung sei "neben genügend freier Finanzierung" die "wissenschaftliche Überschreitung von Grenzen", also Interdisziplinarität, und nicht zuletzt als oft entscheidende Kategorie: "Die Charakterzüge des Leiters so eines Instituts sind sehr wichtig".

Forschungsobjekt

Ach ja, das Wichtigste fehlt noch: Das Objekt der Exzellenz: Was wird erforscht? Ginge es nach Kohn, dann stünde das Forschungsgebiet in Gugging schon fest: "Solarenergie ist mein Lieblingsgebiet. Wir müssen das Thema Energie sehr ernst nehmen. Man könnte in diesem Jahrhundert so ein Institut durchaus einfach der Energie widmen. Das reicht ja auch in die Biologie hinein, Chemie, Geophysik." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2007)

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    Walter Kohn (84) erhielt 1998 den Nobelpreis für Chemie

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