Gusenbauer-Kritik der steirischen SP: "Genosse, erinnerst du dich noch?"

20. März 2007, 09:53
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Gusenbauer musste sich beim steirischen SPÖ-Parteitag dem Unmut der Basis stellen

Weiz - Von ganz oben blickte Kurt Tucholsky herab: "Treue um Treue - wir glaubten dir doch, Genosse erinnerst du dich noch?" Alfred Gusenbauer wurde am Wochenende schmerzlich in Erinnerung gerufen, was Tucholsky vor mittlerweile 84 Jahren mit "An einen Bonzen" gemeint hatte.

"Wir haben an dich geglaubt", bebte die junge Genossin. "Eine Riesenenttäuschung," schleuderte ein verärgerter Juso dem Parteichef entgegen, und die Jungsozialistin Illo Ortner fragte ganz schlicht: "Lieber Alfred, weißt du, wie man sich fühlt? Wenn man für dich kämpft, dich für cool hält und sich dann sagen lassen muss, der Gusenbauer ist ein Lügner?"

Der Kanzler bekam beim Parteitag der steirischen SPÖ in Weiz die ganze Latte der "Umfaller" präsentiert. Und Gusenbauer musste erkennen: Es sind nicht nur die lauten Jungen. Es war einer der ganz seltenen SPÖ-Parteitage, an denen die jungen Zornigen aufmunternden Applaus der alten Genossen erhielten. Die Parteitagsregie hatte zwar eine Versöhnungsgeste zwischen Gusenbauer und Voves inszeniert, aber auch die Jungen nach vorn geschickt, als Sprachrohre für die Stimmung an der Basis, die sich mit 99,2 Prozent der Stimmen demonstrativ hinter ihren wienkritischen Landeshauptmann Franz Voves stellte.

Gusenbauer argumentierte gegen eine Wand. Ja, auch er hätte die Studiengebühren gerne abgeschafft und bei der Erbschaftssteuer ein anderes Ergebnis erzielt. Allein: Die SPÖ habe keine Mehrheit im Parlament. Es sei "eine Illusion", zu glauben, dass die ÖVP ihre Politik von heute auf morgen verändere. Schmaler Applaus in der Stronach-Halle.

Ein seltsamer Tag

Es war ein seltsamer Parteitag. Eigentlich hätte es ein Jubeltag werden müssen. Erstmals seit 60 Jahren regiert die SPÖ in der Steiermark und im Bund wieder ein SPÖ-Kanzler. Die Stimmung blieb unterkühlt. Die Genossen zeigen, angesichts der schweren Auseinandersetzungen mit der ÖVP, erste Anzeichen von Zermürbung. Dazu passte auch das esoterisch angehauchte Bühnenbild, das weniger kraftvollen Aufbruch denn sehnsüchtiges Blicken in ferne Heilswelten verkündete.

Voves hatte zudem punktgenau für den Parteitag eine OGM-Umfrage der SP-kritischen Kleinen Zeitung ins Gepäck nach Weiz bekommen. So schlecht stünde kein Landeschef da, nur 35 Prozent wollten ihn direkt wählen. Die SPÖ käme auf 42, die ÖVP sei schon auf 40 Prozent nahe gerückt. Die Botschaft drückte vielen aufs Gemüt.

Dabei hätte Voves nur warten brauchen. In einer Gallup--Österreich-Umfrage wurde er tags darauf als Star gefeiert, der "davonzieht" und bereits acht Prozent vor der VP liege. (Walter Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2007)

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    Wieder friedlich vereint: Gusenbauer und Voves

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