Erstmals jüdisches Museum in München

26. März 2007, 13:33
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Zweiter Neubau in Europa - Vorarlberger Bernhard Purin leitet das Haus

München - Mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges bekommt München erstmals ein eigenes jüdisches Museum. Am Donnerstag (22. März) wird Oberbürgermeister Christian Ude zusammen mit Gründungsdirektor Bernhard Purin das Gebäude neben der neuen Hauptsynagoge und dem Gemeindezentrum am Jakobplatz eröffnen. Es ist nach Berlin der zweite Neubau eines jüdischen Museums in Europa seit 1945. Die Ausstellung in München ist mit 900 Quadratmetern wesentlich kleiner als in Berlin, kann aber von der Größe her mit Wien und Frankfurt konkurrieren.

Das von der Stadt München für 14,5 Millionen Euro gebaute Museum habe einen starken Bezug zum jüdischen Leben in der Gegenwart, betont Purin. "Wir wollen uns dagegen stellen, dass jüdisches Leben ausschließlich als historisch und oft im Hinblick auf den Holocaust gesehen wird." Mit Blick auf die Israelitische Gemeinde mit dem neuen Zentrum nebenan sagt Purin: "Wir haben ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, aber wir legen Wert darauf, dass wir ein städtisches Museum sind."

Purin hatte zuvor das jüdische Museum in Fürth geleitet und dort mit seiner Grundhaltung Anstoß erregt, Besuchern einen unverkrampften Blick auf das Judentum jenseits einer Opferrolle zu ermöglichen. Als der Konflikt 2002 mit der Satire-Ausstellung "Feinkost Adam" eskalierte, wechselte Purin nach München.

Offene Auseinandersetzung

Mit seiner Linie traf der aus Vorarlberg stammende Museumsmann, der Projektleiter beim Aufbau des Jüdischen Museums in Hohenems und Kurator am Jüdischen Museum der Stadt Wien war, genau die Vorstellungen Stadt München. Das neue Museum solle ein Ort der offenen Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte, Kunst und Kultur werden - "ein Museum, das die gesamte Vielfalt jüdischer Geschichte und Kultur - einschließlich der aktuellen Situation - widerspiegelt", sagte Ude.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde und Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, sieht mit dem Museum das neue Jüdische Zentrum komplettiert. "Damit haben die Besucher nun die großartige Gelegenheit, lebendiges und vielfältiges Judentum in den Räumen unserer Gemeinde zu erleben und nebenan im Museum Wissenswertes über die lange Geschichte der Münchner Juden zu erfahren."

Das Haus verfügt über drei Ebenen. Im Untergeschoß bietet die von Purin und Chefkuratorin Jutta Fleckenstein konzipierte Dauerausstellung Einblicke in das jüdische Leben Münchens. Zu sehen sind auch Modelle der fünf früheren Münchner Synagogen. Im ersten und zweiten Obergeschoß heben wechselnde Ausstellungen Schwerpunktthemen heraus. Das Museum reagiert damit auch auf das Fehlen einer umfassenden Sammlung. Das Haus solle zum flexiblen und aktiven Begegnungsort in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Inhalten werden, heißt es.

"Sammelbilder"

Das erste Museumsjahr steht unter dem Motto "Sammelbilder". Dabei solle Sammeln von Jüdischem und Sammeln durch jüdische Bürger thematisiert werden. "Dabei geht es auch um den Raub und die Enteignung dieser Sammlungen", sagt Purin. Damit solle auch ein Beitrag zu Raubkunstdebatte geleistet werden. Unter anderem soll die jüdische Abteilung der Sammlung der Wittelsbacher gezeigt werden, die wertvolle hebräische Handschriften enthält. Anfang 2008 sollen zeitgenössische jüdische Künstler ausstellen.

Der Wunsch nach einem jüdischen Museum in München ist fast 80 Jahre alt. Bereits 1928 wollten Interessierte ein Museum errichten. Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust griff der damalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Hans Lamm, die Idee auf, ohne sie zum Ziel zu bringen.

Der entscheidende Anstoß kam in den 1980er Jahren von dem Galeristen Richard Grimm. Er eröffnete in der Innenstadt auf 28 Quadratmetern ein privates Museum. Die Israelitische Kultusgemeinde nahm schließlich die Sammlung auf. Die Exponate sind nun teils in dem neuen Museum zu sehen. "Wichtiger als die Sammlung ist die Vermittlung aktiven jüdischen Lebens", sagt Jutta Fleckenstein. "Es ist etwas, was in Bewegung ist und nicht stagniert." (APA/dpa)

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