Warten auf das Eigentliche

17. März 2007, 16:30
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US-Starautor Jonathan Franzen bringt in "Die Unruhezone" sehr vieles unter, was einem im Leben, von Goethe bis zum Hausverkauf, widerfahren kann

Nur drei Romane hat Jonathan Franzen bislang veröffentlicht. Dennoch beschleicht einen bei seinen Büchern das Gefühl, es mit einem Großschriftsteller zu tun zu haben, wie es sie in seiner Generation eigentlich nicht mehr gibt. Wo seine deutschen Alterskollegen nie aus dem Schatten von Grass und Handke kamen und Manifeste, an die sie selbst kaum glauben, schreiben müssen, um wahrgenommen zu werden, darf Franzen sich allein wegen seiner Korrekturen der Aufmerksamkeit sicher sein.

"Es ist eine komische Situation für einen Autor wie mich", sagte er vor zwei Jahren bei einer Lesung im Wiener Rabenhof. "Es gibt wenige Riesen. Ich fühle mich ein bisschen einsam." Der druckfrische Band Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir mit autobiografischen Erinnerungen lässt sich denn auch bezugnehmend auf Franzen, den Autor, lesen. Er gibt Auskunft darüber, wie dieser zu dem Schriftsteller wurde, der er ist, und liefert Anschauungsmaterial, wie der Erfolg auf ihn gewirkt hat. Zumindest zwischen den Zeilen schimmert doch dann und wann eine gesteigerte Eitelkeit durch.

Aufschlussreich gestaltet sich das Kapitel "Die Fremdsprache", das von Franzens Faszination für die deutsche Sprache und Literatur handelt. Wegen Geschäftsbeziehungen des Vaters hatte die Familie Kontakte nach Österreich, von einem frühreifen Mädchen lernte Jonathan als Bub die ersten Brocken Deutsch. Später studierte er es trotz Widerstands der Eltern und verbrachte im Zuge seines Studiums auch einige Jahre in Deutschland.

Während amerikanische Literatur nicht einmal en passant erwähnt wird, enthält Die Unruhezone Auseinandersetzungen mit Goethe ("streben, schweben, weben, leben, beben, geben - sechs Trochäen, die das Wesen einer gesamten Kultur zu beinhalten schienen") und Karl Kraus ("Jede Seite kostete mich eine halbe Stunde"). Franzen erinnert sich an seine Begeisterung für Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und wie ein Professor ihn lehrte, Kafka auf verschiedene Arten zu lesen.

Die Unruhezone handelt aber nie "nur" von Literatur. Franzen verknüpft seine Lektüren stets mit seinem Leben. So bringt er seine Entjungferung über ein paar Ecken auch mit Kafka in Verbindung, ohne dass der Zusammenhang allzu forciert erscheint. Man merkt an vielen Gedankengängen, das Lesen hat ihn zu einem sehr genauen Beobachter gemacht, der ein Gefühl hat für andere Menschen, für Beziehungen und Zusammenhänge; Fähigkeiten, die er in Die Korrekturen voll ausspielen konnte.

Was man beim Lesen seines großen Familienromans bereits erahnen durfte, machen seine Erinnerungen an eine Kindheit im amerikanischen Mittelwesten nun deutlich: Die Korrekturen, das war auch ein Porträt von Franzens eigener Familie. "Haus zu verkaufen" heißt das Eröffnungskapitel der Unruhezone, und es liest sich wie eine Nachschrift zu dem Roman. Die Mutter ist gestorben, noch einmal besucht Franzen das Haus seiner Kindheit in Webster Groves, Missouri, wickelt neben dem Immobilienverkauf auch die Trauerarbeit ab und schildert, wie er sich von seinem Elternhaus entfremdete.

Immer wieder gelingen ihm dabei mittels kleiner Momentaufnahmen und Erinnerungen große Szenen. Etwa jene, wo ihn die Eltern nach Disney World mitnehmen, obwohl er schon 15 ist und sich lieber über das ganze Spektakel mokieren und es ironisieren würde, anstatt in kurze Hosen gezwängt herumzulaufen. ",Mit irgendwas musst du aber fahren', sagte mein Vater schließlich." So geschieht es, zusammen mit den Eltern setzt er sich auf ein trostloses kleines Karussell. "Und wir fanden es alle gleich schade, dass wir auf dem Karussell fuhren, und wir waren alle gleich verlegen um eine Erklärung dessen, was mit uns geschehen war."

Ohne chronologisch vorzugehen, gibt Franzen in dem schlanken Band einen guten Einblick in sein Leben und Denken. Das Buch ist individuell genug, um als Autobiografie durchzugehen. Im Prinzip wird sich aber jeder westliche Mittelständler in dem pubertierenden Jungen am Karussell, in dem begeisterten Leser der Peanuts-Comics oder im verzweifelt nach Anschluss an andersgeschlechtliche Jugendliche suchenden Teenager wiedererkennen können. Die Unruhezone, wir kennen und fürchten sie alle.

"Die Adoleszenz genießt man am besten unbefangen", fasst Franzen eine Highschool-Episode zusammen, "doch leider ist Befangenheit ihr bestimmendes Symptom. Selbst wenn einem etwas Wichtiges passiert, (...) kommen die Momente, da man sich bewusst wird, dass das, was passiert, nicht das Eigentliche ist."

Auch der 47-jährige, kinderlose Autor, der mittlerweile das Beobachten von Vögeln der meisten menschlichen Gesellschaft vorzieht, fragt sich noch immer: "Aber wann beginnt das Eigentliche?" Wahrscheinlich ist Jonathan Franzen der deutscheste große amerikanische Schriftsteller. (Sebastian Fasthuber / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.03.2007)

  • Jonathan Franzen, "Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir". Deutsch von Eike Schönfeld, € 20,50/254 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007.
    buchcover: rowohlt

    Jonathan Franzen, "Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir". Deutsch von Eike Schönfeld, € 20,50/254 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007.

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