Krimischiene: verschwunden, gestohlen, bestochen, rätselhaft

23. März 2007, 13:11
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Bubenzer: "Nobels Testament", Bronski: "München-Blues", Marklund: "Nobels Testament", Schenkel: "Tannöd"

Leiche verschwunden

Klassentreffen sind dazu da, alte Traumata wieder zu aktualisieren. Im Falle von Willibald Adrian Metzger ganz besonders. Warum Metzger sich das Klassentreffen antut, es sogar anonym initiiert, hat einen bizarren Grund. Er hat auf seinem täglichen Gang zum Geschäftslokal auf einer Hundstrümmerlwiese die Leiche seines Kindheitsfeindes gefunden. Als er zur Polizei rennt, trifft er dort den nächsten Klassenkameraden in Gestalt des Kommissars Pospischill. Inzwischen ist die Leiche verschwunden. Eine Junglehrerin als Femme fatale, ungute und gute alte Lehrer, geheime Liebschaften und schalldichte Keller spielen in Thomas Raabs Krimi Der Metzger muss nachsitzen (€ 19,90, Leykam) eine Rolle. Raabs bodenständige Alltagsphilosophie, gemütlich und hinterfotzig zugleich, erinnert im Gestus an Wolf Haas. Ein ausgewachsener Krimi mit Atmosphäre.

Dokument gestohlen

Nicht immer wird man für eine gute Tat belohnt. Gossec, Münchner Antiquitätenhändler und in unmittelbarer Nähe der Oktoberfest-Wiesn wohnhaft, nimmt sich eines Sturzbesoffenen an, der vor seiner Tür liegen geblieben ist. Der edle Samariter bringt die Alkoholleiche wieder auf die Beine; die erweist sich als leutseliger bayrischer Politiker, dem bei dem Exzess ein geheimes Dokument abgenommen wurde. Damit beginnen für Gossec Probleme, denn allerlei seltsame Gestalten sind hinter diesen Papieren her. Dass Mongolen-Adi, der Schläger, dem Gossec eine Abreibung verpasst, anschließend ermordet aufgefunden wird, macht das Schlamassel auch nicht besser. Max Bronskis "Heimatroman" München-Blues (€ 17,40, Kunstmann) ist humorvoll, temporeich und mit ätzenden Betrachtungen über stereotypisches Politiker-Verhalten gespickt.

Forscher bestochen

Stockholm tanzt: Nobelpreisverleihung, Ball mit dem Königspaar, die Elite der Wissenschaft feiert, und Annika Bengtzon vom Abendblatt ist mittendrin. Es soll eine Art Gesellschaftsreportage werden, aber in unmittelbarer Nähe von Annika wird Caroline von Behring, Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, erschossen. War die Frau im Abendkleid, die sie zuvor angerempelt hatte, eine Auftragskillerin? Annika erhält wegen der Brisanz des Falles von der Polizei Redeverbot, wird von der Redaktion beurlaubt und dreht mit ihren beiden Kindern zu Hause schön langsam durch. Liza Marklund beschäftigt sich in Nobels Testament (Deutsch: Anne Bubenzer, € 22,70, Hoffmann & Campe Verlag) mit den schmutzigen Geschäften der CIA, der Aushöhlung des Rechtsstaates, dem sinkenden Niveau der Printmedien und der Bestechlichkeit der Forscher.

Motive rätselhaft

Ein schmales Buch und große Ehren: Andrea Maria Schenkels Tannöd (€ 13,30, Nautilus) hat den deutschen Krimipreis bekommen. Damit wird ein Buch ausgezeichnet, das vom üblichen Krimi-Schema abweicht. Die Autorin verfügt über eingängige Bilder und ist gleichzeitig so lakonisch. Die Magd Marie verdingt sich bei wortkargen Bauern in der Einschicht. Schon am ersten Abend hat sie das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Und Marie ist wirklich am falschen Ort gelandet. In der Nacht werden sie und die ganze Bauernfamilie umgebracht. Schenkel entwickelt nun das Drama aus den Erzählungen der Dorfbewohner. Die Ich-Erzähler äußern Vermutungen, Gerüchte, dennoch bleiben die Motive des Mörders bis zuletzt unklar. Tannöd ist eine gelungene Komposition, ein Bilderbogen aus wuchtigen Holzschnitten, die anmuten, als wären sie aus einer anderen Zeit. (Ingeborg Sperl, ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.03.2007)

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    buchcover: kunstmann
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