Als die Bürger Adel spielten ...

16. März 2007, 21:26
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Hamptons "Gefährliche Liebschaften" im Wiener Josefstadt-Theater: Andrea Jonasson und Josefstadt-Hausherr Herbert Föttinger sind einander gewachsen, oder doch nicht?

Wien – Die Liebenden in Christopher Hamptons Rokoko-Paraphrase Gefährliche Liebschaften (nach dem "skandalösen" Briefroman Choderlos de Laclos’) sind weniger Menschen als durchtriebene, zur Selbstreflexion verdammte Automaten. Dem Vernehmen nach scheinen ihre Antriebe auch im Josefstadt-Theater sportlich-erotischer Natur.

In Wahrheit aber begraben sie ihre gut durchbluteten Herzen lediglich unter einem Wust aus selbstbetrügerischen Absichten. Sie legen ihre besten Begehrlichkeiten zur Zwischenrast – sie selbst liegen auf der Lauer. Sie scheinen den Einsatz ihrer liederlichen Spiele – die "Vernichtung" der Tugend, von Treuebegriffen, von ehehygienischem Anstand – als Reizmittel zu gebrauchen, das ihre arg eingeschränkte Genussfähigkeit steigern helfen soll.

Der Witz liegt auch in der Wiener Josefstadt, wo man einem zäh schillernden Intrigenhochamt beiwohnt (Regie: Janusz Kica), aufgeführt in einem Kitschklappalbum aus Spiegel- und Tapetentüren (Bühne: Kaspar Zwimpfer), in einer Wahrheit höherer Ordnung: Die Marquise de Merteuil (Andrea Jonasson) veranlasst ihren verflossenen Geliebten (Herbert Föttinger als Valmont) zur Eroberung von Frauen, deren sexuelle Niederwerfung nichts anderem als der eigenen Lustmaximierung dient.

Nur scheint es die herrliche, hennarote Jonasson leider gar nicht nötig zu haben, ihren bärbeißigen Marquis (Föttinger), der den etwas klammen, hüftsteifen Charme eines in den Bodennahkampf überwechselnden Herrenreiters versprüht, wie einen Dummy zu manipulieren. Wir sind aus dem Rokokoschloss in eine etwas ranzig riechende Business-Lounge hinübergewechselt, wo sich haltlos exaltierende Bürgerdamen (Maria Köstlinger) hingeben, noch ehe das Tugendkorsett überhaupt aufgeknöpft worden ist.

Anders gesagt: Vor lauter flauem Debütantinnensex, mit stöckelnden Callgirls (Maya Bothe), mit Liebesschülerinnen (Hilde Dalik), die den "Catwalk" des Lebens wie das Laufband einer zeitgenössischen Shoppingmall entlangstaksen, geraten die Antriebsmotivationen der Hauptbeteiligten aus dem Blick. Und so bleibt es der klirrend kalten Jonasson überlassen, bei Valmont ein Begehren zu schüren, das an ihr – wenn es um alles geht – turmhoch abprallt. Das bürgerlich gebrochen ist, aber die Strahlkraft eines großen Liebesherbstes als Vernichtungswaffe gegen den nichtswürdigen Geliebten in Stellung bringt. Was für eine Inszenierung hätte diese Frau verdient gehabt. Was sie bekommen hat, ist leider verschmockte Langeweile. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.03.2007)
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    Zwei, die einander nicht gewachsen sind: Andrea Jonasson und Josefstadt-Hausherr Herbert Föttinger.

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