Googler, Copy-Paster und Plagiatsjäger

18. März 2007, 13:34
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Digitale Diebstähle und Wikipedianer mit Wissenslücken gibt es nicht nur auf Studierendenebene

Er erreichte unrühmliche Bekanntheit und endete nun in einem juristischen Vergleich: Der "Wickie"-Plagiatsfall an der Uni Klagenfurt darf noch einmal an den Start. Digitale Diebstähle und Wikipedianer mit Wissenslücken gibt es aber nicht nur auf Studierendenebene.

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"Ich kämpfe weiter", sagt Stefan Weber unverdrossen. Und das, obwohl er erst Ende Jänner per APA-Aussendung das Ende seiner Tätigkeit als "Plagiatsjäger" erklärt hat. "Das bezog sich nur auf den Begriff", stellt der Salzburger Medienwissenschafter nun klar. 44 Diplomarbeiten und Dissertationen stehen mittlerweile auf Webers Abschussliste. Eine Bilanz gibt es in seinem neuen Buch "Google-Copy-Paste-Sydrom" (Heise 2007).

Den ersten kapitalen Bock schoss er vor zwei Jahren in Deutschland: ein Tübinger Theologe schrieb für seine Doktorarbeit 86 Seiten ab - dummerweise aus Webers Dissertation. Der Medienwissenschafter leckte Blut, deckte den Fall in den Medien auf. Dem unredlichen Abschreiber wurden prompt die akademischen Ehren aberkannt.

Seit Webers Engagement ist das akademische Plagiieren, also der "Diebstahl" geistigen Eigentums, auch hierzulande ein Thema. Es werde aber, wie der Aufdecker meint, von den meisten Unis nach wie vor nicht ernst genug genommen. Webers prominentester Fall war die Diplomarbeit "Wickie und die starken Männer", die sogar ein gerichtliches Nachspiel hatte. Eine Klagenfurter Publizistik-Diplomandin hatte über die Beliebtheit der Kinderzeichentrickserie bei Kindergartenkindern geschrieben und dabei fast 40 Prozent ihrer Arbeit von verschiedenen Internetseiten zusammenkopiert.

Die Arbeit bescherte der Verfasserin ein "Sehr gut" und zudem im Juni 2006 eine Assistentinnenstelle an der Uni Klagenfurt. Weber machte den Fall publik. Der 28-Jährigen wurde der Titel aberkannt, sie wurde fristlos gekündigt - und klagte. Mit dem Argument: Bei ihr wende man Qualitätsmaßstäbe an, die zum Zeitpunkt der Einreichung noch nicht existiert hätten. Ende dieser Woche einigte man sich nun auf eine einvernehmliche Lösung des Dienstverhältnisses und eine Ausgleichszahlung für die Kündigung. Die Frau verpflichtet sich im Gegenzug dazu, die Arbeit neu zu verfassen, laut Uni Klagenfurt betreut von einem renommierten externen Begutachter.

Unethische Autoren

Vizerektorin Jutta Menschik-Bendele sieht in der Einigung viel Positives: "Wir haben alle aus diesem Fall gelernt. Die Autorin will mit ihrem Neustart beweisen, dass sie korrektes wissenschaftliches Arbeiten beherrscht. Die Uni hat ,Wickie' zum Anlass genommen, unser bisheriges Programm zur Vermittlung der wissenschaftlichen Arbeitstechniken zu erweitern."

Das sei ohnehin eine Kernaufgabe universitärer Lehre, sagt Wissenschaftsphilosoph und Plagiatsexperte Gerhard Fröhlich von der Uni Linz. Dort gibt es nicht nur verpflichtende Seminare über die Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit, sondern auch verbindliche "Richtlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" für alle.

"Nur die Armen oder Geizigen plagiieren, die anderen lassen schreiben, etwa bei arbeitslosen Wissenschaftern", sagt Fröhlich. Der Professor sieht die Plagiatsproblematik prinzipieller und verweist auf das Unwesen "unethischer Autorenschaft" in den höheren Ebenen der Scientific Community. Auch das weite Feld der Forschungsanträge gilt als plagiatsverseucht.

Wer sich aber beim Problem "Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt" an den gleichnamigen Bestseller-Ratgeber des Schriftstellers und Semiotikers Umberto Eco hält, hat für etwaige Plagiate immerhin eine gute Ausrede. Eco rät nämlich in Notfällen: "1. Eine vernünftige Summe investieren und sich die Arbeit von einem anderen schreiben lassen. 2. Eine an einer anderen Universität schon einige Jahre früher geschriebene Arbeit abschreiben." (Lisa Nimmervoll Klaus Taschwer/DER STANDARD Printausgabe, 17./18. März 2007)

  • Am Anfang ist die Wissenslücke oder nur Bequemlichkeit. Dann kommt Google. Man nehme "Strg" und "C" auf der Tastatur, wechsle auf "Strg" und "V" - und fertig ist das Plagiat.
    foto: standard

    Am Anfang ist die Wissenslücke oder nur Bequemlichkeit. Dann kommt Google. Man nehme "Strg" und "C" auf der Tastatur, wechsle auf "Strg" und "V" - und fertig ist das Plagiat.

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