Spargeltarzan zieht in den Krieg

23. März 2007, 14:40
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US-Punk-Altvater Iggy Pop (59) hat seine legendäre Nihilisten-Band The Stooges ("Search and destroy!") wiederbelebt

Der Angriff auf die guten Sitten aus dem Jahr 1969 erfährt jetzt auf dem neuen Album "The Weirdness" eine würdelose Fortsetzung. Ja, bitte!


Wien – Der Jüngste aus dieser Rasselbande ist gerade einmal 49 Jahre alt. Band-Baby Mike Watt von den US-Hardcore-Veteranen Minutemen am Bass hat also die wildesten Zeiten dieser zwischen 1967 und 1973 bestehenden Vorväter des erst Mitte der 70er-Jahre losbrechenden Punkrock vor allem auch bezüglich des ungezügelten Fressens von Drogen und eines zwischen jugendlichem Hedonismus und altklugem Nihilismus wüst holzenden Rudimentärrocks zart versäumt. Originalbassist Dave Alexander schaffte es damals lebend nur bis 1975.

Ganz anders sieht es beim Leithammel der seit 2003 wiedervereinten Stooges aus Ann Arbor bei Chicago aus. James Osterberg alias Iggy Pop, der prototypisch brustfreie, ausgemergelte und wegen diverser selbstdestruktiver Bühnenaktionen in der grauen Vorzeit entsprechend vernarbte Leithammel einer Musik für die niedersten Instinkte wird heuer 60. Und er lässt auch in jenem Alter, in dem Bundesbahner gewöhnlich schon die Früchte ihrer in der Frühpension entwickelten Hobbys wie das Taubenzüchten, Modelleisenbahnbauen oder Preisschnapsen im Freibad genießen, noch immer gern die Hosen runter. Auch philosophisch gesehen. Welcher Opa kann es sich sonst schon leisten, im Herbst seiner Tage unbelacht Zeilen wie diese zu singen: "My idea of fun/is killing everyone!"

Die Band brach nach damals weit gehend unbeachteten und unverstandenen drei Alben zwischen 1969 und 1973 auseinander: The Stooges, Fun House, Raw Power. Die ebenfalls in der Band aktiven Gebrüder Ron und Scott Asheton an Gitarre und Schlagzeug bekamen seitdem keinen Fuß mehr auf den Boden. Sie pendelten zwischen Reha-Klinik und Hotel Mama. Iggy Pop startete lieber eine oft mediokre Solokarriere, um die Drogen nicht mehr teilen zu müssen. Deshalb war gerade auch die unerwartete Live-Rückkehr der Stooges im Juli 2004 auf österreichischem Boden als Kehraus bei einem Festival im burgenländischen Wiesen ein erfreulicher Schlag ins Gesicht all jener Fans, die sich von einem Comeback alter Helden mehr als die bloße Nachstellung alter, für ein minderjähriges wie sittlich noch minderbemitteltes Publikum gedachter, asozial bis zum bitteren Ende geführter Glanzleistungen wie I Wanna Be Your Dog, No Fun, I’m Dirt oder Loose erwarteten. Die wurden damals in Wiesen übrigens ausschließlich gespielt.

Unter der Regie von Produzent Steve Albini (Pixies, Nirvana ...) entstanden für das jetzt vorliegende Studio-Comeback The Weirdness zwar nicht unbedingt zwingende, pfeifende, holzende und grimmige Mittelfinger-Rocker wie einst 1969 oder Search And Destroy selig.

Iggy Pop singt heute längst lieber über die Lenden der jungen Mädchen als über den Weltuntergang in der US-amerikanischen Suburbia. Blöde Kunst und ihr dazugehöriges Handwerk sind auf The Weirdness allerdings auch nicht zu finden. Laute Einfalt, stille Größe – und eins auf den Kopf, ihr blöden Spießer! Das kann man heute noch immer von den Stooges haben. Ein Spargeltarzan kämpft gegen Windmühlen. Eins, zwei, drei, vier! "Now is the season/for war with no reason." Alt, blöd, gut. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.03.2007)

  • Iggy Pop (Mitte) und die Gebrüder Ron und Scott Asheton  führen drei Jahrzehnte nach ihrem letzten Album als The Stooges noch einmal ihre inneren Schweinehunde Gassi: „You can’t have friends!“
    foto: virgin

    Iggy Pop (Mitte) und die Gebrüder Ron und Scott Asheton führen drei Jahrzehnte nach ihrem letzten Album als The Stooges noch einmal ihre inneren Schweinehunde Gassi: „You can’t have friends!“

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