Ganz Europa spielt Monopoly

17. März 2007, 14:00
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Immobilien, allen voran Gewerbeimmobilien, wachsen zum größten Wirtschaftszweig der Welt heran. Immer mehr Geld drängt in den Markt

Interessanter Aspekt am Rande: Projekte werden schon während der Planung mit riesigen Gewinnen verkauft.

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Philippe macht seinen Job ganz gut. Und das schon seit fünfzehn Jahren. In einer solchen Zeitspanne entwickelt man ein brauchbares Sensorium für die Wünsche seiner Kunden. Philippe ist Taxifahrer, und wie jedes Jahr fährt er seine Kunden von und zur Mipim, der jährlichen Immobilienmesse von Cannes, die gestern, Freitag, zu Ende gegangen ist.

Diese weltgrößte Fachveranstaltung für Standortmarketing und Gewerbeimmobilien ist mittlerweile der größte Wirtschaftsfaktor der noblen Festspielstadt. Mit seinen über 35.000 Besuchern ist die Mipim sogar umsatzbringender als die viel bekannteren Filmfestspiele im Mai. "An der Zahl der Partys erkennst du, ob es den Leuten wirtschaftlich gut geht", sagt Philippe. Ja, es geht ihnen gut.

Wenn das stimmt – und dafür sprechen auch durchwegs seriösere Wahrnehmungen – dann wird sich die weltweite Immobilienwirtschaft in den nächsten Jahren in einem atemberaubenden Tempo nach oben schrauben. Die sonstige Endzeitstimmung, die in letzter Zeit den Markt geprägt hat, geht in Cannes glamourös unter. Die Immobilienbranche feiert sich selbst – und das in einer intensiven und ausgelassenen Art und Weise, wie es in den 18 Jahren, seit es die Mipim gibt, noch nie der Fall war. Nach wie vor treffen hochliquide Immobilieninvestoren – allen voran diverse Fonds – auf Projekte, die noch in den Kinderschuhen stecken. Das Planungsstadium ist nicht konkret, der Baubeginn liegt in weiter Ferne, ja gelegentlich ist nicht einmal noch der Grundstückskauf über die Bühne gegangen.

Auf in den Osten

Selbst die zuletzt rapide gefallenen Renditen in Zentral- und Osteuropa (CEE) können die Investoren nicht davon abhalten, ihr Portemonnaie zu lockern. Zwar gelten die asiatischen Märkte mittlerweile als weitaus rentabler und somit attraktiver, doch scheut die internationale Klientel nach wie vor weit gehend davor zurück, auch das damit verbundene, vielfach höhere Risiko einzugehen. Fazit: Der Zug der Lemminge in den – nur noch vereinzelt wilden – Osten hält an. Eine besonders gute Figur geben übrigens die österreichischen Unternehmen ab: Sie zählen zu den größten Immobilienentwicklern und -investoren im gesamten CEE-Raum. Experten schätzen sogar, dass branchenweit gut 60 Prozent des Umsatzes der österreichischen Immobilienfirmen im CEE-Raum über die Bühne geht. Der Heimmarkt verkommt damit zur Nebenrolle.

Mark Bateman, Sprecher des weltweit agierenden Maklerverbundes GVA: "Je mehr sich Osteuropa am Westen orientiert, desto attraktiver wird der Markt. Der Immobilienmarkt in Zentral- und Osteuropa wird über die nächsten Jahre weiter sehr stark wachsen, vor allem auch im baltischen Raum." Es ist ein Spiel mit großen Zahlen. Mit sehr großen Zahlen. Allein in St. Petersburg werden zurzeit Immobilienprojekte im Wert von über zehn Milliarden Dollar hochgezogen – rund ein Drittel davon mit Eigenkapital aus dem westlichen Ausland. Eine stolze Summe angesichts der Tatsache, dass das Bruttonationalprodukt der Region mit rund 28 Milliarden Dollar zu Buche schlägt.

Megaprojekt in Sofia

In der bulgarischen Hauptstadt wird derzeit der größte Bürotower mitsamt anschließendem Stadtentwicklungsgebiet errichtet. Das Vorhaben ist ein Gemeinschaftsprojekt von Advance Properties, einem der größten bulgarischen Immobilienunternehmen, und der deutschen ECE Projektmanagement, die in Sachen Einkaufszentren europäischer Marktführer ist. Der so genannte Europe Park – ein multifunktionales Stadtquartier mit Einkaufsmöglichkeiten, Büros, Wohnungen und Entertainment-Angebot – entsteht auf einem ehemaligen Fabrikgelände im Zentrum Sofias. Mit seinen 40 Stockwerken und einer Höhe von rund 150 Metern wird der Büroturm das höchste Gebäude des Landes sein.

Doch es geht noch größer. Sochi, Bewerber für die olympischen Winterspiele 2014 in der russischen Region Krasnodar, wird bis dahin mehrheitlich gewerbliche Immobilien um zwölf Milliarden Dollar errichtet haben. Bei solch horrenden Zahlen bekommen die westlichen Investoren, die nach wie vor unter hohem Veranlagungsdruck leiden, feuchte Augen. Zum Glück weiß Philippe nichts davon. Er würde für seine Taxifahrten wohl das Zehnfache verlangen. (Gerhard Rodler aus Cannes, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.3.2007)

  • An Immobilienentwicklungen wie in Hamburg orientieren sich die osteuropäischen Märkte und machen sich dadurch für Anleger attraktiv.
    fotos: hafencity, collage: michaela pass

    An Immobilienentwicklungen wie in Hamburg orientieren sich die osteuropäischen Märkte und machen sich dadurch für Anleger attraktiv.

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