Einmal eine andere Position einnehmen

17. März 2007, 17:00
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"Vernetzte Welten" nennt sich ein Projekt, bei dem Mitarbeiter aus Wirtschaftsunternehmen zeitlich befristet in NGOs arbeiten

Große, gewinnorientierte Unternehmen und NGOs – da prallen zwei Welten aufeinander, oft klischeebehaftet und mit sehr viel Misstrauen. "Dabei können beide viel voneinander lernen", sagt Leon Lenhart, Initiator des Projektmanagement-Programms "Vernetzte Welten", bei dem Mitarbeiter aus Wirtschaftsunternehmen zeitlich befristet in NGOs mitarbeiten. Die Pilotphase ist beendet, mittlerweile hat das Programm den Regelbetrieb aufgenommen.

Elf Projekte wurden bisher gestartet, fünf bis jetzt beendet. Vier Wirtschaftsunternehmen, die Erste Bank, die Generali, Manpower und IT Austria, haben Mitarbeiter für NGOs wie das Rote Kreuz, die Dreikönigsaktion, die Caritas, SOS Kinderdorf und "Licht für die Welt" abgestellt. Und diese Entscheidung nicht bereut. "Die Erwartung der persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung ist absolut eingetreten", sagt Dagmar Strolz, Personalentwickler in der Generali. Dass der Mitarbeiter, der den Webshop der Dreikönigsaktion neu konzipierte, fünf Monate ganz weg war, sei kein Problem gewesen. "Seine Aufgaben sind während dieser Zeit anders aufgeteilt worden, alles hat funktioniert", so Strolz.

Aber gerade die – bei manchen Projekten erforderliche – längere Abwesenheit vom Arbeitsplatz ist für viele Führungskräfte das Haupthemmnis, sich an den "Vernetzten Welten" zu beteiligen, weiß Lenhart. "Da gibt es in vielen Köpfen noch eine administrative Schwäche", sagt er. Die längere Anwesenheit in der NGO sei aber für eine gewisse Zeit unbedingt notwendig – vor allem in der Anfangsphase sei dies für beide Seiten zur Sensibilisierung wichtig. "Der Aufwand, Aufgaben umzuorganisieren, steht in keiner Relation zum Nutzen, den ein Unternehmen hat, wenn seine Mitarbeiter über den Tellerrand blicken und ihre soziale sowie fachliche Kompetenz ausbauen können", sind Lenhart und Strolz sich einig.

Vorteil für beide Seiten

Dass nicht nur der Einzelne persönlich von den "Vernetzten Welten" profitiert, sondern auch die entsendende Firma, weiß Herbert Meusburger, Personalentwickler in der Erste Bank, aus eigener Erfahrung. Er setzt jetzt fachliche Erkenntnisse, die er während seiner Tätigkeit für das SOS Kinderdorf gewonnen hat, in der Bank um. Im konkreten Fall gilt das für das Mitarbeitergespräch. "Dieses Führungsinstrument kann viel einfacher und knapper sein". Wichtig sei dabei, die in der NGO gewonnen Ideen nicht eins zu eins im eigenen Unternehmen umzusetzen, sondern entsprechend zu adaptieren.

Gleiches gelte für zu viel Idealisierung

"Natürlich besteht die Gefahr, dass man das jeweils andere Unternehmen sowie dessen Kultur und Klima idealisiert. Und dann ernüchtert ist, wenn man vom Alltag wieder eingeholt wird." Sein Rat: "Jeder sollte bereits im Vorfeld Rahmenbedingungen schaffen, um nach der Rückkehr Frustration zu verhindern." Dies gelte zum einen für den erwähnten Realitätssinn, zum anderen aber auch konkret für den Arbeitsplatz. "Jeder sollte zu dem Job zurückkehren können, den er vor dem Ausflug in die vernetzten Welten gehabt hat", appelliert Meusburger an Chefs und Mitarbeiter. Und setzt hinzu: "Ich rate jedem, die Chance zu nutzen, wenn’s vom Personal her irgendwie machbar ist. Der Return fürs Unternehmen ist unglaublich – sowohl in sozialer als auch in fachlicher Kompetenz."

Lenhart schlägt ebenfalls in diese Kerbe: "Man kann das Projekt als Incentive sehen, um das Querdenken und die Motivation wieder anzuregen. Oder beispielsweise auch als Möglichkeit, Auslastungsschwierigkeiten wegzubringen." Doch nicht nur die "Großen" haben gewisse Bedenken vor einem Ausflug in die Welt der NGOs. "Bei uns war am Anfang die Befürchtung, dass es viel Energie brauchen und lang dauern würde, bis sich jemand, der aus einem ganz anderen Kontext kommt, einfügen kann. Das hat aber überhaupt nicht gestimmt", berichtet Rupert Roninger von "Licht für die Welt", der bereits mit einem zweiten Projekt an den „Vernetzten Welten“ startet. Er sieht nur Vorteile für seine NGO: "Wir haben eine andere Denkweise und Kultur kennen gelernt und vor allem vom fachlichen Know-how profitiert." Thorsten Staufer vom Landesverband Wien des Österreichischen Roten Kreuzes assistiert: "Wir haben uns durch das Projekt viel Zeit erspart."

Die Rückmeldungen geben Lenhart Auftrieb: Mindestens vier neue Wirtschaftsunternehmen sollen heuer noch gewonnen werden. Dabei geistert schon eine neue Idee in seinem Kopf: Warum sollten nicht auch einmal Mitarbeiter von NGOs die Luft in einem Wirtschaftsbetrieb schnuppern? (ur, DER STANDARD, Printausgabe 17./18.3.2007)

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