"Gemeinsame Sprache sprechen"

25. Jänner 2008, 11:17
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Gleiche Chancen für Jung und Alt: Wie sozial benachteiligte Jugendliche gefördert werden können

Rechte, Vertretung, Anerkennung, Respekt und Toleranz stehen im Mittelpunkt des Europäischen Jahrs der Chancengleichheit. Themen, die alle betreffen und jedem zustehen sollen, ob weiblich oder männlich, jung oder alt. Doch wie sieht es bei den Jugendlichen aus? Gerade aufgrund der prekären Lage am Arbeitsmarkt benötigen junge Menschen Unterstützung.

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Erst vor kurzem hat die junge Generation durch die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre ein grundlegendes Recht erhalten, und eine Chance, auf die Politik ebenso Einfluss zu haben wie Erwachsene. Vertreten werden die Jugendlichen auf mehreren Ebenen. Die Bundesjugendvertretung ist eine Vereinigung von über 40 Jugendorganisationen aus Österreich. Zu ihren Schwerpunkten zählt neben der Bildungspolitik und Frauenförderung ebenfalls die Chancengleichheit von Jugendlichen. Anerkennung und Respekt, dafür müssen viele Jugendliche jedoch erst kämpfen.

Echte und unechte Barrieren

"Ich bin mir nicht sicher, ob diese Barrieren wirklich existieren oder nur in den Köpfen der Menschen bestehen", sagt die 24-jährige Melanie Fahrnberger. Von Geburt an sitzt sie im Rollstuhl, Nachteile hat ihr das erst bei der Jobsuche gebracht. "Meine Eltern haben sehr viel Wert darauf gelegt, dass ich an eine "normale" Schule gehe und nicht ausgegrenzt werde", erinnert sie sich. Nach der Matura absolvierte sie die Sozialakademie. Als diplomierte Sozialarbeiterin fand sie erst nach einem Dreivierteljahr einen Arbeitsplatz in einem Beratungszentrum. Diese Stelle gab sie aus persönlichen Gründen nach einem halben Jahr wieder auf.

Monatelang bewarb sie sich bei unterschiedlichen Stellen, erhielt jedoch immer nur Absagen. "Neben der Begründung, ich hätte zuwenig Berufserfahrung, hieß es vor allem, das Gebäude sei nicht barrierefrei für Menschen im Rollstuhl", erzählt die Sozialarbeiterin. Dass diese Begründungen wirklich stimmen, bezweifelt Fahrnberger, zumal sie sich hauptsächlich bei Beratungsstellen für Behinderte beworben hat.

Fördermaßnahmen auf mehreren Wegen

Wie Fahrnberger geht es vielen jungen Menschen: Laut Auskunft des Sozialministeriums waren im Februar 2007 2.456 Jugendliche mit Behinderung im Alter von bis zu 25 Jahren arbeitslos. Um diese Zahl zu senken, arbeiten das Bundessozialamt und das Sozialministerium daran, Jugendliche bereits in der Schule zu fördern. Neben körperlich behinderten Jugendlichen benötigen auch junge Menschen mit psychischen Behinderungen oder anderen Schwächen sonderpädagogischen Förderbedarf "Im Schuljahr 2005/06 waren das 10.328 SchülerInnen", berichtet Liselotte Ekl vom Sozialministerium.

Das Jahr der Chancengleichheit will Sozialminister Erwin Buchinger deshalb vor allem den Jugendlichen widmen. Für die Unterstützung von sozial benachteiligten Jugendlichen beim Berufseinstieg stellt das Ministerium deshalb sieben Millionen Euro zur Verfügung. "Unsere Maßnahmen - insbesondere Clearing - richten sich an SchülerInnen der 7.-9. Schulstufe der allgemein bildenden Pflichtschulen, der Sonderschulen und der polytechnischen Lehrgänge mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Übergangsfeld von Schule zum Beruf" erklärt Ekl das Vorhaben.

Österreichisches Best-Practice-Beispiel

Clearing wurde in Österreich vor fünf Jahren gestartet und ist ein erfolgreicher Weg, Jugendlichen ihre Möglichkeiten am Arbeitsmarkt zu zeigen. Bei dieser Maßnahme versuchen BetreuerInnen gemeinsam mit dem Jugendlichen Stärken und Schwächen zu erkennen und dementsprechend einen Entwicklungsplan zu erstellen. Dieses Konzept wurde von der Europäischen Kommission im Jahr 2004 zum "Best-Practice-Beispiel" ernannt. Mittlerweile gibt es österreichweit rund 30 Institutionen, die Clearing anbieten, im Jahr 2005 haben knapp 5.000 Jugendliche das Angebot genutzt.

Einen Schritt weiter geht das Projekt der "Lehre ohne Barriere". Bei der integrativen Berufsausbildung wird die Lehre den Anforderungen und Bedürfnissen der sozial benachteiligten Jugendlichen angepasst, etwa durch eine längere Lehrzeit oder einem abgeänderten Lehrplan. Im Jahr 2005 befanden sich 1.299 junge Menschen in der integrativen Berufsausbildung, letztes Jahr waren es bereits 2.000.

Behinderung als Qualifikation

Nach einem halben Jahr erfolgloser Suche hat Melanie Fahrnberger wieder einen Arbeitsplatz gefunden. Im WUK faktor i – einer Informations- und Clearingstelle für Jugendliche mit Handicap - betreut sie Jugendliche, deren Leid sie versteht. "Zu uns kommen einerseits Jugendliche, die sich in ihrer Arbeit über- oder unterfordert fühlen", sagt faktor i-Berater Andreas Keplinger über seine Arbeit. Viele werden vom AMS oder von ihren Schulen an faktor i verwiesen, jährlich holen sich bis zu 1.000 Jugendliche Informationen, 200 davon erhalten eine intensive Betreuung von den neun MitarbeiterInnen. Zu ihnen zählt seit Februar auch Fahrnberger: "Ich habe das Gefühl, dass wir eine gemeinsame Sprache sprechen, da ich weiß, was die Leute, die zu uns kommen, durchmachen", meint die neue Betreuerin. In ihrem neuen Beruf will sie ihr Handicap als Qualifikation nutzen, um Jugendlichen Verständnis entgegen zu bringen und Mut zu machen. (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 19. März 2007)

  • Was anderswo ein Handicap ist, ist an Melanie Fahrnbergers neuem Arbeitsplatz eine Qualifikation.
    foto: derstandard.at/oberndorfer

    Was anderswo ein Handicap ist, ist an Melanie Fahrnbergers neuem Arbeitsplatz eine Qualifikation.

  • Seit fünf Jahren erhalten sozial benachteiligte Jugendliche Hilfe in der Clearing- und Beratungsstelle faktor i, jährlich gibt es rund 1.000 Anfragen.
    foto: wuk/nimführ

    Seit fünf Jahren erhalten sozial benachteiligte Jugendliche Hilfe in der Clearing- und Beratungsstelle faktor i, jährlich gibt es rund 1.000 Anfragen.

  • Beim Clearing versuchen BeraterInnen gemeinsam die Stärken der Jugendlichen zu definieren und einen geeigneten Weg in die Berufswelt zu finden.
    foto: wuk/nimführ

    Beim Clearing versuchen BeraterInnen gemeinsam die Stärken der Jugendlichen zu definieren und einen geeigneten Weg in die Berufswelt zu finden.

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