"Vienna's Lost Daughters"

30. März 2007, 18:43
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"Ja" zum Überleben: Dokumentarfilm von Mirjam Unger lässt acht Frauen von ihrer Flucht vor dem Holocaust erzählen

Wien - "Meine Mutter hat mir zwei Mal das Leben geschenkt: Bei der Geburt und als sie mich in den Zug gesetzt hat." Anita Weisbord, geborene Nagel, entkam dem nationalsozialistischen Regime 1939 mit einem Kindertransport nach England. 1947 emigrierte sie mit ihrem Ehemann nach New York, wo sie bis heute lebt. Sie ist eine von acht "Vienna's Lost Daughters", die Mirjam Unger in ihrem neuen Dokumentarfilm porträtiert. Bereits am 20. März feierte die sensible Studie über die "Schuld zu überleben", wie es eine der Protagonistinnen nennt, bei der Diagonale in Graz Premiere.

Keine großen Beschuldigungen oder Tränenausbrüche

Heimweh hat eigentlich keine der acht porträtierten Frauen, zu grauenvoll ist ihre Erinnerung an jene Zeit, als Hitler in Wien einmarschierte, an die Wochen und Monate, als sie als Angehörige der Jüdischen Gemeinde erniedrigt und verfolgt wurden. Einige von ihnen schafften es, mit der gesamten Familie zu fliehen, andere wurden als Zwölfjährige mit Kindertransporten verschickt, mussten ihre Eltern zurücklassen, die später in Konzentrationslagern ums Leben kamen. Mirjam Unger nähert sich ihren Interviewpartnerinnen, ohne den Eindruck zu erwecken, nach großen Beschuldigungen oder Tränenausbrüchen Ausschau zu halten. Die Frauen selbst wählen die Bildausschnitte, die sie preis geben wollen.

Sprache ihrer Wahl

Auch sprachlich hat die Regisseurin ihren Interviewpartnerinnen keine Grenzen gesetzt, Englisch und Deutsch vermischen sich, einsprachig sind nur die deutschen Untertitel. Bald wird aber auch hier klar, aus welchen Gründen welche Sprache gebraucht wird. Während Anita Weisbord und ihr Mann so deutsch sprechen, als hätten sie Wien nicht verlassen, weigert sich Rosalie Berezow, geborene Weizberg, Ungers Fragen auf Deutsch zu beantworten. Zu sehr erinnert sie diese Sprache an damals, an die Schreie, die Befehle, die Gewalt.

Erst im Jahr 2001 kam sie zum ersten Mal nach Wien zurück, was dann doch eine "wunderbare Erfahrung" war. Dauerhaft zurückzukehren, ist für keine der Damen eine Option. Sie sind tief in New York verwurzelt, haben Kinder und Enkelkinder, haben in den vergangenen 65 Jahren in den USA eine neue Heimat gefunden. "Wir sind Amerikaner", so der Tenor.

Frauen, denen die Jugend geraubt wurde

Unger zeigt aber auch, dass hinter diesen starken Aussagen auch Wehmut steckt: So filmte sie einige Damen dabei, als sie stolz alte Kassetten oder Schallplatten mit Opern- oder Schlageraufnahmen vorspielten. Aus der Distanz begleitet die 36-jährige Regisseurin die Lebenswelten der Frauen, begleitet sie zum Tennis, zum Bridge-Abend oder zum Yoga. "Vienna's Lost Daughters" zeigt vor allem die Stärke von acht Frauen, denen ihre Jugend geraubt wurde. Zugleich holen sie ihre Kartons aus den Kleiderschränken, wo sie Erinnerungen an damals aufbewahrt haben: den Reisepass mit dem großen, roten "J" für Jude, Gebetsbücher, gewidmete Fotos.

"Ja" zum Überleben

Ungers Film ist kein Liebesgeständnis an Wien oder New York, sondern ein deutliches "Ja" zum Überleben. Gleichzeitig ist es ein humorvolles Dokument, etwa wenn Unger ein Gespräch von Alice Winkler mitschneidet, bei dem die Kamera fast vergessen scheint, wo gelacht und geweint wird. Unger schafft es, einen unaufdringlichen Blick auf diesen immer noch schwer zu bewältigenden Abschnitt der Geschichte zu werfen, ohne Schuld zuzuweisen oder belehren zu wollen. (APA)

derStandard/Kultur verlost je 3x2 Karten für die Vorführung am 13. April im Wiener Topkino.
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Link

Vienna's Lost Daughters
Seit Freitag, 23. März in den Kinos.
  • Anita, Dorit, Eva, Hennie, Lizzy, Susanne, Susy und Rosalie leben in New York, wo sie ihre Familien gegründet und ihre Existenzen aufgebaut haben.
    foto: mobilefilm produktion
    Anita, Dorit, Eva, Hennie, Lizzy, Susanne, Susy und Rosalie leben in New York, wo sie ihre Familien gegründet und ihre Existenzen aufgebaut haben.
  • Mirjam Unger musste sich vor Aufnahme der Arbeit am Film erst mit ihrer eigenen - verdrängten - jüdischen Familiengeschichte auseinandersetzen.
    foto: mobilefilm produktion/pamela russmann
    Mirjam Unger musste sich vor Aufnahme der Arbeit am Film erst mit ihrer eigenen - verdrängten - jüdischen Familiengeschichte auseinandersetzen.
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