Polen: Skandal um Kindesmissbrauch weitet sich aus

19. März 2007, 14:27
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Weitere mutmaßliche Belästigungs-Opfer aus Diözese gemeldet - Staatsanwaltschaft ermittelt seit einer Woche

Der Skandal um sexuellen Missbrauch von Ministranten durch Geistliche in der katholischen Diözese im zentralpolnischen Plock weitet sich aus. Seit die zuständige Staatsanwaltschaft am vergangenen Freitag auf Grund einer Zeugenaussage Ermittlungen aufgenommen hatte, meldeten sich weitere vier mutmaßliche Opfer.

"Wir verhören jeden Tag mehrere Personen", sagte der Leiter der Bezirks-Staatsanwaltschaft in Plock, Waldemar Osowiecki, der Tageszeitung "Rzeczpospolita". Die Zeitung hatte die Ermittlungen mit Berichten über Ministranten angestoßen, die erklärten, von älteren Geistlichen missbraucht worden zu sein. Bei den mutmaßlichen Opfern handelte es sich vor allem um Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen, die eine Priesterlaufbahn planten und sich deshalb vor einer Anzeige scheuten.

Die Kirchenoberen in Polen äußerten sich bisher nicht zu den Ermittlungen, obwohl auch Anschuldigungen gegen Erzbischof Stanislaw Wielgus erhoben wurden, er sei trotz Beschwerden nicht gegen die Missstände vorgegangen. Wielgus, der im Jänner wegen Vorwürfen, er habe mit dem früheren kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet, als Erzbischof von Warschau zurücktrat, hatte die Diözese Plock in den vergangenen sieben Jahren geleitet.

Schuldwegweisung

Die örtlichen Geistlichen weisen jede Schuld von sich. Der Rektor des Priesterseminars in Plock, Bogdan Czupryn, schickte einen Brief an alle Priester der Diözese, in dem die Medien der Manipulation bezichtigt werden. Der Brief soll am kommenden Sonntag bei den Messen verlesen werden, einige Geistliche wollen sich dem jedoch verweigern.

Die Mehrheit der Polen beurteilt die Reaktion der Kirche auf den Skandal negativ. 65 Prozent sagten in einer Umfrage, die am heutigen Freitag veröffentlicht wurde, die Kirche komme "schlecht" oder "sehr schlecht" mit solchen Krisensituationen zurecht. Der Warschauer Soziologe Krzysztof Kosela wies gegenüber der "Rzeczpospolita" darauf hin, dass die Kirche in Polen derzeit auch wegen Finanzskandalen und der Mitarbeit von Geistlichen beim einstigen kommunistischen Geheimdienst an Ansehen verliere. (APA)

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