Gebackene Geschichte

26. März 2007, 17:30
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Eingehüllt in das Aroma von Schafwolle, besuchte Robert Haidinger das Innere Kretas und stieß auf schichtenweise Urgestein der europäischen Zivilisation

Fremde Gäste empfängt Bruder Andreas nur selten, und wenn doch, dann am liebsten mit selbst gebackenen Sesamkeksen und einem guten Schluck Tsikoudia. "Es gibt immer so viel zu tun", ruft der Geistliche über den groben rechteckigen Holztisch herüber, und die schwarzen Ränder unter den Fingernägeln seiner schwieligen Hand verlaufen wie fromme Bordüren unterm Ärmelsaum der steifen Kutte.

Beten und Arbeiten lautet die Devise im Hinterland von Kretas Hauptstadt Iráklion. "Dieses Jahr haben wir im Hof die Steinplatten verlegt, das Jahr zuvor den alten Brunnen restauriert. Dazu kommen die Weinberge, der Garten und die Obstbäume, das Kalken der Mauern und das Feuerholz im Innenhof." Dass sich kaum ein Fremder zum Kloster Agarathou verirrt, stört dabei am allerwenigsten. Weder ein Ikonenmuseum noch besonders kriegerische Anekdötchen locken Kretas rollende Mietwagenflotten in das nahe bei Mirtiá, im Kreis Iráklion, gelegene Kloster aus dem Jahre 1532. Lediglich die Weinbauern der Umgebung kommen auf ein Schwätzchen vorbei, legen mitunter selbst Hand an, diskutieren über neue Pachtverträge, lassen sich vor Ostern Fleisch, Brot, Öl und Wein segnen und hängen im Zwielicht der Kirche silberne Arme, Beine, Herzen an den Altar. Ein ganzes Bündel Tamatás hat sich im Laufe der Jahre angesammelt, hell raschelnde Silber- und Goldblättchen mit eingeprägten Körperteilen.

Verträumte Renaissancevillen

Archaische Klosterromantik mit und ohne Baedeker-Stern und ein stetes Aroma von Schafwolle und wildem, silberhaarigem Diktamus-Tee prägen das wenig besuchte Hinterland von Iráklion - zumindest unter anderem. Denn vor allem beeindruckt das älteste Siedlungsgebiet der Insel, an dem sich die Wege zu den Stränden der Süd- und Ostküste kreuzen, dank seines vielfältigen kulturellen Erbes. Venezianische Aquädukte und verträumte Renaissancevillen, die seit 3500 Jahren verehrte Eileithyia-Höhle mit ihren phallischen Stalagmiten oder das minoische Knossos verdichten sich im Herzen der Sorbas-Insel zu einem Potpourri - überragt von den beständigen Reizen der landschaftlichen Hintergrundkulisse. Bis in den Mai schieben sich weißgefrorene Berggipfel zwischen Himmel und Meer. Im Fall von Iráklion zeichnet der Hausberg Júchtas gar das Profil des schlafenden Zeus ins mediterrane Blau. Da liegt er in der Sonne, auch nach der Mittagspause noch. Lokalfavorit ist der Götterboss freilich auch so: Immerhin wurde Zeus auf Kreta geboren - auf diesem einsam aus dem Meer der Geschichte aufragendem Inselbuckel.

Dass es sich bei Kretas "Mitte" um etwas Besonderes handelt, fanden im Laufe der Zeit auch die Weinbauern von Archanes heraus. Dabei hätten sie nur auf die alten Redensarten hören müssen. Das "beste Stück Land" heißen die für die Rosáki-Traube bekannten Gründe im Süden von Iráklion von jeher im Volksmund. Ein wahres Wort, wie immer neue archäologische Funde belegen. In regelmäßigen Intervallen stießen die Bewohner direkt unter ihren Häusern auf Fundamente, die unter dem Ort eine komplette minoische Stadt vermuten lassen.

Ähnlich Geschichtsträchtiges halten auch die umliegenden Hügelkuppen bereit: Beim benachbarten Vathípetro steht die älteste Weinpresse der Welt. Und in Fourní entdeckte ein Bauer, dass die Schwelle seines Weinkellers in Wirklichkeit der Dachgiebel eines darunter liegenden Gebäudes darstellte - Teil der größten Nekropole der gesamten Ägäis.

Archaische Ware zum Diskontverkauf

Doch Kreta ist auch eine Insel, auf der die Schichten der Geschichte brach liegen. Rollt man von Fourni zum Töpferort Thrapsanó weiter, so stapelt sich archaische Ware sogar zum Diskontverkauf. Ofenwarm kommen die schlanken, meterhohen Phitoi-Gefäße hier aus den Tonerdelöchern, in denen sie bei 800 Grad Celsius "gebacken" werden. Die alteingesessenen Töpferfamilien schwitzen nun für das Souvenirgeschäft. Doch das stets unverändert gebliebene Design ihrer Ölkrüge stammt aus minoischer Zeit und erinnert an jene Scherben und Gefäße, die im nahen Knossos im berühmten Palast des legendären König Minos auftauchten.

Stierspringer in Ockerfarben, fein gefältelte Kleider, der Schwung der Delfine und die femininen Details der minoischen Kunst - diese Bilder sind bekannt. Ebenso wie der Hinweis auf den kulturellen Wissenstransfer aus dem Osten, der einst über Kreta lief: Die alte Legende des in einen (minoischen) Stier verwandelten Zeus, der an der Ostküste des Mittelmeers seine Prinzessin Europa aufgabelte, erzählt schließlich auch davon. Aber Kreta, das Urgestein der europäischen Zivilisation, hat noch eine ganz andere Geschichte auf Lager: jene der kargen Berge und steinigen Weiden.

Eine alte Geschichte auch sie. El Greco, der aus Fodele bei Iráklion gebürtige Meister, der die kahlen, wintergrünen Falten seiner Heimatinsel immerhin in die Gewänder der im spanischen Exil porträtierten Edelleute einschmuggelte, sah Kreta etwa längst schon nackt und entweidet. In seinem Geburtsjahr 1541 hatte die Götterinsel immerhin bereits mehrere Jahrtausende Kahlschlag hinter sich.

Klischeehafte Bilder neue gelesen

Näheres dazu lässt ein Besuch der minoischen "Arbeiterstadt" Gourniá, östlich von Agios Nikolaos erahnen. Schmale Straßen verteilen sich hier über einen Hügel. Doch statt wertvoller Fresken und Schrifttafeln sicherten Archäologen vor allem Indizien einer dreieinhalbtausend Jahre zurückliegenden Betriebsamkeit - Gourniá ist Europas ältestes Manchester, wenn man so will. Bis zu 20.000 Arbeiter verfeuerten hier jene Holzkohle, die zur Bronzezeit die Metallschmelzen betrieben und die Minoer zur metallurgischen Avantgarde Europas machten.

Immer tiefere Schneisen in die heute kaum noch vorhandenen einst dichten Zedern- und Zypressenwälder der Insel schlugen freilich auch andere: Den Werften der venezianischen Flotten - und später dem industriellen Heißhunger des vorletzten Jahrhunderts - fielen die Bäume zum Opfer. Der Appetit grasender Ziegen- und Schafherden, sommerliche Brände und winterliche Regenfälle, deren kurzfristig herabströmende Wassermassen die steinigen Böden längst nicht mehr aufnehmen, setzten dem höheren Pflanzenwuchs weiter zu.

So viel Arbeitswut rechnete sich auf Dauer: Ganze vier Prozent der kretischen Gesamtfläche sind heute bewaldet, im besten Fall ließ die Erosion das dornige Buschgestrüpp der typischen Macchia zurück: dornige Polster, giftige Wolfsmilchgewächse, duftender Thymian immerhin. Wer heute über die kargen Bergregionen der Götterinsel spaziert, wandelt so auch auf den Spuren einer über lange Zeiträume sich erstreckenden ökologischen Katastrophe. Die klischeehaften Bilder einer scheinbar genügsamen, entrückten Archaik, all die weißgestrichenen Häuser vor reizvoll kargem Hintergrund, die stille Einsamkeit des Zypressenhains - sie müssen so im veränderten Kontext neu gelesen werden. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/16/03/2007)

Anreise: z. B. mit der Lauda Air nach Iráklion.
Veranstalter: Informationen zu Unterkünften und Kreta-Reisen unter Reiseladen
Info: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr: gnto
  • Insel mit starken Wurzeln: Ölbaum-Methusalem
    foto: robert haidinger

    Insel mit starken Wurzeln: Ölbaum-Methusalem

  • Altbarbier im Herzen Kretas
    foto: robert haidinger

    Altbarbier im Herzen Kretas

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