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Understatement à la Veneto: Der nördliche, weithin sichtbare Teil der Villa Fresco in Ásolo verrät kaum etwas über das prunkvolle Haupthaus auf der anderen Seite des Messano Hügels.

"Schon Hemingway hat mit ihr geschrieben", mag zwar ein Wunschdenken der Schreibgeräte-Manufaktur "Montegrappa" sein, ob er seine Briefe allerdings wirklich dieser Feder anvertraute, ist nicht gesichert.
Allerdings gar nicht so sehr mit dem Tresterschnaps selbst, vielleicht noch eher mit seinem Gin, der Hemingway wohl ebenso überzeugt hätte, aber vor allem mit dem Nardini-Bitter, der hier die lokale Apéro-Szene versorgt. Fast jeder, der in Bassano del Grappa abends ausgeht, trifft sich vorher auf der "Veranda" des Nobel-Branntweiners: Das ist die berühmte Holzbrücke, die bereits zigmal seit dem 13. Jahrhundert unter anderem vom Architekten Palladio als "Ponte Vecchio" und zuletzt von den Gebirgsjägern als "Ponte degli Alpini" wiederaufgebaut werden musste.
Hemingways Notitzbuch
Welches Abendprogramm man hier 60 Kilometer hinter Venedig bei Nardini-Aperitif und ganzjährig angenehmer Freiluftzigarette planen kann, ist eine berechtigte Frage. Die Palette an Luxus-Boutiquen, die den alten Kern der Kleinstadt so glamourös glitzern lässt, ist zu dieser Tageszeit bereits etwas farblos - weil mit schweren Rollläden verbarrikadiert. Vom Fischmarkt an der Brenta ist abends nur mehr eine vage Idee in der Nase geblieben, und warum der norwegische(!) Stockfisch Baccalà in keinem Fischgulasch des gesamten Veneto fehlen darf, erfährt man zur Zeit auch im Ristorante Trevisani nicht. Zugang zu diesem massiv gemütlichen Turm der Stadtmauer von Bassano verschafft der Küchenchef jetzt nur dem Radicchio. Vielleicht noch dem Spargel. Also den echten Einheimischen, die hier am Südfuß der Alpen eine viel authentischere Beziehung mit dem Risotto eingehen, als dies zugereiste Frutti di Mare wohl könnten.
Aber wie benutzt man Bassano tagsüber? Am besten wie die Menschen, die hier leben. Die nicht nur den Aperitif auf ihrem Wahrzeichen, der Brücke, nehmen, sondern das kulturelle Erbe tatsächlich jeden Tag "verwenden". Der Arkadenhof des Museo Civico etwa führt Bassanos Teenagern neben archäologischen Funden aus der Region auch vor Augen, dass in einem ehemaligen Franziskanerkloster ein hervorragendes erstes Rendezvous geplant werden kann. Oder dass alte venezianische Paläste dazu prädestiniert sind, nun als gut sortierte Papeterien die Brücke zur jüngeren Vergangenheit zu schlagen. Und sei es nur durch die riesige Auswahl an jungfräulichen Moleskine-Notizbüchern, denen ja bekanntlich auch Hemingway die Unschuld nahm. Bei den Füllfedern ist schon etwas mehr Interpretation erforderlich.
"Schon Hemingway hat mit ihr geschrieben", mag zwar ein Wunschdenken der hier ansässigen Schreibgeräte-Manufaktur "Montegrappa" sein, ob der Kriegsfreiwillige an der Isonzofront seine Briefe allerdings wirklich dieser Feder anvertraute, ist nicht gesichert. Silvester Stallone, den man im Entrée der alten Fabrik als "werbende Schreibkraft" für die Traditionsmarke porträtiert hat, würde seine Hand dafür jedenfalls nicht ins Feuer legen. Das eigentliche Markenzeichen dieser Füller, nämlich ein Schaft aus dem Film-Rohstoff Zelluloid, spricht hingegen Bände: Der Veneto ist wahrhaft eine Region, die sich nicht entscheiden will, ob sie besser in Bildern oder mit Worten beschrieben wird.
Die Stadt der hundert Horizonte
Das trifft wohl insbesondere für das nur 17 Kilometer weiter östliche gelegene Ásolo zu. "Die Stadt der hundert Horizonte" mag noch immer ein passender Filmtitel für die Szenen in diesem Hügelstädtchen sein, "Dallas" kommt den Einheimischen aber schon eher in den Sinn. Wenn sie nicht ohne Wehmut erzählen, dass das Haus der ach so verehrten Schauspielerin Eleonora Duse mittlerweile an nach Texas verkauft wurde.
Eine schwierige Diva, die dem "Ausverkauf" trotzt, bleibt Ásolo aber allemal. Die vielschichtigen, leisen Geschichten verbirgt sie gekonnt mit Fassaden der so offensichtlich aufregenden Palladio-Villen, etwa jener von Barbaro. Dabei könnte die "Villa Fresco", deren beide Trakte mit einem unterirdischen Gang durch den Messano Hügel verbunden sind, ruhig ein paar kleine Geheimnisse preisgeben: Etwa, warum sich gerade dort so viele wohlhabende, armenische Flüchtlinge niederließen, die die Villa zeitweilig dem armenischen Internat von Venedig einverleibten. Etwas gesprächiger dürfte auch die Villa der Freya Stark sein, um uns zu erzählen, warum die Orientalistin und Reiseschriftstellerin ausgerechnet hier in unmittelbarer Nachbarschaft der Villa des Poeten Robert Browning ihren hundertsten Geburtstag feiern wollte. Denn Hemingway konnte ja noch nicht davon berichten, dass "sein" Nardini-Gin serviert wurde, wenn Queen Mum wieder einmal zu Besuch bei Freya Stark gewesen ist. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Rondo/16/03/2007)
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