"Man muss auch goschert sein"

15. März 2007, 19:41
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Donau-Uni-Vizerektorin Ada Pellert im STANDARD-Interview über undichte Pipelines und universitäre Karotten

Ada Pellert, Vizerektorin der Donau-Uni Krems und Expertin im Hochschulmanagement, über junge Akademikerinnen und ältere Uni-Herren, Männerbünde und Frauennetzwerke, dichte Pipelines und universitäre Karotten. Mit ihr sprach Lisa Nimmervoll.

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Standard: Wann wird Österreich die erste Rektorin haben?

Pellert: Ich hoffe natürlich, bei der diesmaligen Runde. Jetzt sind die meisten Rektorate neu zu besetzen, und es wäre sehr wünschenswert und höchst an der Zeit, weil wir sind eines der letzten Länder, das sich eine Frau als Rektorin noch nicht vorstellen konnte.

Standard: Vielleicht ist die Donau-Uni Krems ja die erste.

Pellert: Mich würde es freuen.

Standard: Wo fallen denn die Frauen auf dem Weg nach oben raus aus dem Uni-System?

Pellert: Die erste kritische Phase ist, dass weniger Frauen dissertieren, da fängt es an. Dann ist die Habilitation nach wie vor eine Hürde. Hartnäckige bleiben an der Uni, oben wird die Luft dünner, der Konkurrenzkampf härter, und dann schlagen halt oft diese bündischen Netzwerkstrukturen in der Wissenschaft stark durch.

Standard: Die Universitäten als Horte der Männerbündelei?

Pellert: Ja, doch überwiegend. Weil die Fachstrukturen und Communities aus ihrer Genese doch sehr stark männlich geprägt sind. Die Netzwerkstrukturen unter Frauen sind noch zu wenig ausgeprägt. Der große Teil der Frauen fällt auf dem Weg nach oben raus, weil die Signale, dranzubleiben, fehlen. Man muss da auch goschert und unternehmerisch sein und sagen, ich bin Expertin für etwas. Die Welt weiß es noch nicht. Ich weiß es schon. Die Wissenschaft arbeitet so.

Standard: Klingt leichter gesagt als getan.

Pellert: Genau. Viele Frauen sind in jüngeren Jahren angenehm selbstreflexiv: Bin ich das? Ist das was für mich? Soll ich das? Ich kenn das noch von mir, dass man sich sagt: Gehöre ich da wirklich her? Und in der Zeit haben die männlichen Kollegen schon dreimal die Weichen gestellt und gehen es an. In einem Umfeld, das sehr von diesem "es selber angehen" lebt, sind das entscheidende Vorsprünge.

Standard: Was raten Sie jungen Frauen, die studieren und vielleicht eine akademische Karriere anstreben möchten?

Pellert: Ich kann das Feld empfehlen. Ich halte es auch von der Zeitsouveränität für ein interessantes Berufsfeld, wo man Berufliches und Privates letztlich doch ganz gut verknüpfen kann. Aber man muss es sehr entschlossen angehen, nicht verzagt. Damit man das Verzagte, das zum Glück nicht alle haben, verliert, brauchen wir Stützstrukturen. Ich würde mich konsequent um solche Stützstrukturen bemühen. Mentoring, role models, aber auch peers, Gleichaltrige in der gleichen Situation, mit denen man sich vernetzt.

Standard: Sie sind Mitglied des Frauenpolitischen Beirats, der noch von Ministerin Elisabeth Gehrer installiert wurde. Am Frauentag war das erste Arbeitstreffen mit Nachfolger Johannes Hahn. Was "rät" ihm der Beirat in Sachen Frauenförderung an den Unis?

Pellert: Es ist darum gegangen, in den neuen Steuerungsinstrumenten der Universitäten das Thema Gleichbehandlung und Frauenförderung auch prominent zu verankern. Wir haben empfohlen, auf einen Policy-Mix zu setzen: Zu sagen, ja, ich habe zum einen die Karotte Geld, auf die springen arme Unis immer gut an. Und ich habe natürlich rechtliche, vor allem aber auch sensibilisierende Möglichkeiten.

Standard: Zum Beispiel?

Pellert: Personalentwicklung ist für Universitäten ein neues Thema. Sie sind jetzt Dienstgeberin und müssen Personalmanagement machen - da dürfen sie die Frauenförderung nicht vergessen. Wir haben die berühmte leaky Pipeline, die undichte Pipeline, es dünnt sich nach oben nach wie vor sehr stark aus, auch wenn Förderprogramme greifen. Wenn man nur auf die natürliche Rate setzt, dauert das noch viele Generationen. Das muss man politisch beschleunigen.

Standard: Was sollten die Unis tun, um für Frauen attraktivere Arbeitsorte zu werden?

Pellert: Wichtig ist, wenn ich das Gefühl habe, da sind bunt gemischte Teams willkommen, ich bin in einer Umgebung, die im weitesten Sinn multikultureller ist. Gemischt nach Alter, Geschlecht, Nationalitäten. Wenn ich das Gefühl habe, ich komme in eine Monokultur, die vor allem durch Männer geprägt ist, und die auch nicht signalisiert, wir sind an etwas anderem interessiert, dann ist das nicht attraktiv für Frauen.

Standard: Am Weizmann-Institut in Israel ist es selbstverständlich, dass mit jungen Wissenschafterinnen auch durchgeplant wird, wie wäre das mit der Betreuung, falls sie ein Kind bekommen. Davon ist Österreich noch weit entfernt.

Pellert: Klar ist das Vereinbarkeitsthema eines, aber das würde ich auf beide Geschlechter beziehen. Da merkt man den Generationenwechsel. Auch junge Wissenschafter sagen, ich hätte gern Zeit für die Kinder, wie kombiniere ich das in einer Phase meiner Karriere, wo alles Gleichzeitigkeit erfordert. Der springende Punkt ist, dass man überhaupt etwas wie Karriereplanung macht und dabei begleitet wird. Das ist modernes Personalmanagement, eine Aufgabe der Vorgesetzten. (DER STANDARD, Printausgabe, 16. März 2007)

Zur Person
Ada Pellert (44) studierte BWL an der WU Wien und ist seit 2005 Professorin für Weiterbildungsforschung und Vizerektorin der Donau-Uni Krems. Nach dem Rücktritt von Helmut Kramer im Februar leitet sie interimistisch mit ihrem Vizerektorskollegen die Geschäfte des Rektors. Die Ausschreibung läuft bis 23. März.
  • "Sehr entschlossen angehen, nicht verzagt", empfiehlt Donau-Uni-Vizerektorin Ada Pellert jungen Frauen an der Uni.
    foto: standard/cremer

    "Sehr entschlossen angehen, nicht verzagt", empfiehlt Donau-Uni-Vizerektorin Ada Pellert jungen Frauen an der Uni.

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