Keine Zeit für Klimaschutz

15. März 2007, 18:49
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Russland ist der weiltweit drittgrößte Energieverbraucher - ökologisches Bewusstsein ist noch weit gehend fremd

Während sich die EU nun doch dem Klimaschutz zu widmen scheint, ist in Russland, dem drittgrößten Energieverbraucher, ein ökologisches Bewusstsein noch weit gehend fremd. Das Ausmaß der Energieverschwendung ist himmelschreiend.


Die Zeit der leeren Regale ist längst Geschichte. Damals, zu Beginn der 90er-Jahre, hatte Juris den Gasherd den ganzen Tag über eingeschaltet. Als starker Raucher überbrückte er so den Mangel an Zündhölzern. Das Gas kostete ihn monatlich ein paar wenige Kopeken. Heute, da es Feuerzeuge und Zündhölzer gibt, braucht er sich mit seiner Zigarette nicht mehr über die blaue Flamme zu beugen. Die Zimmertemperatur aber regelt er wie die meisten Russen nach wie vor mittels Fensteröffnens. Da russische Heizungen keinen Thermostat kennen und die mickrigen Kosten für Heizung und Warmwasser ohnehin pauschaliert sind, sieht Juris keinen Anlass zum Energiesparen. Da fließen dann immer wieder auch tausende Liter von Warmwasser in den Abfluss, wenn ein Telefongespräch, das in Russland gratis ist, die Geschirrwäsche für Stunden unterbricht und man recht selbstverständlich den Hahn nicht abdreht.

16 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion hat Russland andere Sorgen als Energiesparen, Klima- und Umweltschutz. Viele beschäftigt der Reichtum; noch mehr leiden unter der Armut; und auch die in der Mitte denken der Landesmentalität entsprechend kurzfristig. Um den Klimaschutz sorgt sich so gut wie niemand.

Kioto-Partner

Immerhin hat der Kreml Ende 2004 das Kioto-Protokoll abgesegnet. Da die USA nicht mitmachten, war Russland, das für 17,4 Prozent der Schadstoffemissionen verantwortlich ist, das Zünglein an der Waage für das Inkrafttreten gewesen. Die Gegner waren schwere Geschütze aufgefahren: So behauptete die Akademie der Wissenschaften, dass das Protokoll das Wirtschaftswachstum gefährde. Auch sei nicht erwiesen, dass das Protokoll die Klimaerwärmung zu überwinden vermag, wobei die Erderwärmung überhaupt positive Effekte "für das kälteste Land der Erde" habe: von niedrigeren Heizungs- und Transportkosten bis zur "Vergrößerung der Biomasse".

Der Kreml entschied letztlich doch anders. Dennoch hat sich seither nicht viel getan, denn für den Handel mit Emissionsquoten fehlt die rechtliche Basis. Dabei könnte Russland, dessen Emissionen durch das Ende der Sowjetunion drastisch fielen, vom Quotenhandel bestens profitieren. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sprach von 30 Mrd. Dollar für den Zeitraum 2008 bis 2012. Die Betriebe zeigen durchaus Interesse: So etwa Russlands Strommonopolist RAO EES oder der Gasmonopolist Gasprom, die gemeinsam über 50 Prozent der russischen Treibhausgase produzieren. Angeblich soll die rechtliche Basis doch heuer noch geschaffen werden. Kenner der Materie freilich hegen Zweifel.

Klimaschutz ist nur eine der ökologischen Aufgaben, die vor Russland stehen. Zwei Drittel der 143 Millionen Einwohner atmen stark verschmutzte Luft und trinken unreines Wasser. Eine Studie des Blacksmith Institute in New York hat die am stärksten verschmutzten Orte der Welt eruiert. Angeführt werden diese vom russischen Dscherschinsk, wo Männer aufgrund der alten Chemiewaffenindustrie durchschnittlich 42 Jahre, Frauen 47 Jahre alt werden. Nach zwei weiteren russischen Städten folgt erst an vierter Stelle das ukrainische Tschernobyl. (Eduard Steiner aus Moskau/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.3. 2007)

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    Günstige innerrussische Energiepreise und erhoffte Vorteile aus der Erderwärmung bringen es mit sich, dass in Russland Klimaschutz ganz unten auf der Agenda steht.

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