"Verschenken keine Ware mehr"

11. April 2007, 13:08
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Die Österreicher geben für Lebensmittel immer weniger Geld aus, sagt Rewe-Austria-Vorstand Frank Hensel im STANDARD-Interview

Standard: Der Rewe-Konzern hat in Deutschland starke Personalquerelen hinter sich: Seit 2004 gingen vier Chefs. Martin Lenz nahm nach nur 18 Monaten in Österreich den Hut. Was löst die Machtkämpfe aus?

Hensel: Es ist Sache des Aufsichtsrates, über Vorstände zu entscheiden.

Standard: Auch die Aufregung um den Rewe-Einstieg bei Adeg hält an. Die Wettbewerbshüter wollen den Deal wieder genauer unter die Lupe nehmen.

Hensel: Wir verlassen in keiner Minute den zwischen der Bundeswettbewerbsbehörde und uns abgestimmten Weg. Wir berichten der Behörde vierteljährlich, was wir tun und was sich verändert hat.

Standard: Andere sagen, dass die Kartellwächter um jede Information kämpfen müssen.

Hensel: Es ist schwierig, veritable Marktdaten zu beschaffen. Österreich ist ja keine Insel, was die Beschaffung betrifft. Aber wenn die Behörde in dieser Causa Wünsche an uns hat, dann werden wir sie ordentlich informieren.

Standard: Ihr Konkurrent Spar will Brüssel einschalten.

Hensel: Ich finde es beschämend, wenn die Österreicher nach Brüssel gehen um österreichische Problem zu klären. Wir können das im Land lösen.

Standard: Adeg kündigte an, 70 Prozent des Einkaufs über Rewe abzuwickeln. Rewe übernimmt zudem die Bezahlung der Rechnungen. Stimmt das?

Hensel: Uns hat es gefreut, dass Adeg so von Rewe überzeugt ist. Aber für 70 Prozent muss noch viel passieren. Die Übernahme der Rechnungen, das ist zwingende Voraussetzung. Sonst bräuchte man uns ja nicht als Kooperationspartner.

Standard: Wo bleibt da die zitierte Einkaufshoheit für Adeg?

Hensel: Adeg entscheidet, ob sie Ware direkt, über uns oder über andere Händler kauft. Sie legt Sortimente fest und bestimmt die Vertriebsstrategie.

Standard: Spar spricht von brutalem Beschaffungskartell.

Hensel: Ich kann das nicht nachvollziehen. Auch Spar kauft für selbstständigen Kaufleute ein. Wenn Sie Aussagen von unserem Partner Sutterlüty (Anm.: Vorarlberger Lebensmittelkette) hören, fühlt er sich bei uns freier als bei Spar. Verstehe ich ihn richtig, liegt die Gängelung der Kaufleute doch eher auf der Seite von Spar.

Standard: Markenartikel-Konzerne fürchten die Auslistung einzelner Produkte. Zu Recht?

Hensel: Ich habe selten so was Unqualifiziertes gehört. Es ist ein ständiger Prozess, dass wir Artikel in und aus unseren Regalen nehmen. Adeg tauscht Edeka-Eigenmarken jetzt mit österreichischen ab. Man wird jedoch mit Eigenmarken nicht Markenartikler auslisten.

Standard: In den Verkauf der früheren Magnet-Märkte ist Bewegung gekommen. Stört Sie, wenn Spar zum Zug kommt?

Hensel: Wir sind daran nicht interessiert. Sollte jedoch Spar sie kaufen, hoffe ich, dass die Behörde die gleichen Maßstäbe anlegt wie bei uns. Spar ist am mehreren Firmen beteiligt. Gehört ihnen ein Unternehmen komplett, haben sie direkten Einfluss auf Absatz und Beschaffung. Das wäre schlimmer als unsere Minderheitsbeteiligung bei Adeg.

Standard: Rewe und Spar sind auf das Thema gesunde Ernährung aufgesprungen. Im Visier sind auch Schulkinder ...

Hensel: Wenn wer sagt, dass wir Krieg über die Kinder führen, ist das totaler Unsinn. Aber die Ernährung muss einen höheren Stellenwert erhalten, jede Initiative gehört gefördert. Das ist kein Marketinggag. Abgesehen davon: Die Österreicher geben nur 12,8 Prozent des Haushalteinkommens für die Lebensmittel aus. Nach dem Krieg waren es 50 Prozent. Setzt sich der Trend fort, haben Lebensmittelhändler ein existenzielles Problem.

Standard: Ist diese Wandlung nicht unglaubwürdig? Gerade Billa hat die Kunden doch zu Schnäppchenjägern erzogen.

Hensel: Das ist nicht ganz unrichtig. Der Kunde hat immer mitgemacht, wir haben ihm da sicher den einen oder anderen Anreiz gegeben. Wir geben den Preiswettbewerb künftig nicht auf. Aber wir verschenken keine Ware mehr, das war falsch. Es hat ein Umdenken eingesetzt, auch in der Bevölkerung. Freuen Sie sich doch.

ZUR PERSON: Frank Hensel (48) ist seit 1999 bei Rewe und seit 2005 Vorstand der Rewe Group Austria. Der Betriebswirt arbeitete zuvor bei Nestlé und der Spar Handels AG Deutschland.
  • Frank Hensel spricht außerdem über falsche Preispolitik, den umstrittenen Einstieg bei Adeg und die Zusammenarbeit mit der Bundeswettbewerbsbehörde.
    foto: standard/newald

    Frank Hensel spricht außerdem über falsche Preispolitik, den umstrittenen Einstieg bei Adeg und die Zusammenarbeit mit der Bundeswettbewerbsbehörde.

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