Bürgersinn für Nichts im Nirgendwo

15. März 2007, 18:35
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Diffuses Gemisch aus halbgaren Aktualitäten und schwachen Behauptungen: Falk Richters Inszenierung von Shakespeares "Julius Caesar" im Burgtheater

Was ist es, das in uns lügt, mordet, stiehlt und zugleich republikanisch denken soll?


Wien – Gemeint, so sagt, nein: so brüllt es Falk Richters "Julius Caesar"-Inszenierung im Wiener Burgtheater heraus, seien wir doch alle: öffentlich Beteiligte an einem republikanischen Gemeinwesen, dessen zukünftiges Gedeihen von der Mitwirkung möglichst vieler Bedenkenträger und Tugendschwätzer abhängt.

Ein Jüngling im Stangenanzug (Sven Dolinski), die forsche Empörerlocke in die Stirn gestrichen, reklamiert zu Anfang die Burgtheater-Rampe als politischen Appellplatz: Was, lieber Altbundeskanzler, lieber Postdirektor, liebe Mitglieder der Bundesregierung, würdet ihr tun, wenn ein Caesar (Peter Simonischek) unverhohlen nach dem vergoldeten Tyrannenlorbeer griffe: zurückzuckend zwar, doch als von sich eingenommener Wohllebensmensch ein potenzieller Gefahrenherd im öffentlichen Gehrock? Hättet ihr – wie es Helmut Kraussers TV-Deutsch-geeichte Shakespeare-Übersetzung irgendwann treffend ausdrückt – "die Eier", einem solchen Potentaten den Garaus zu machen?

Die Gefahr, die Caesar (Peter Simonischek) für diese schüttere Ansammlung römischer Unmutsreferenten in der Folge darstellt, wird nie recht deutlich. Parvenühaft vorgeführt wird vielmehr eine Klippschule politischer Begriffserweichung, die zwar frohgemut den Pomp öffentlich-rechtlicher Inszenierung zitiert und triumphal ausstellt, sich im Grunde aber in allen anhängigen Politikfragen für unzuständig erklärt.

Namenlose Unterwelt

Zwei gusseiserne Stiegenabgänge führen in einen Untergrund. Die rußschwarze Landschaft dahinter wird von einem Stelenrund markiert (Bühne: Katrin Hoffmann), dessen verfließende Lamellen auch vortrefflich als Videobildschirme taugen. Politische Definitionsmacht? Gehört demjenigen, der sich ihrer Repräsentationszeichen via Einschaltung bemächtigt.

Genau daran – an ihren eigenen Prämissen – geht denn auch Richters Inszenierung absehbar zuschanden. Sie tut furchtbar aufgeblasen, als höre sie auf CNN und Fox in Konferenzschaltung das republikanische Gras wachsen. Zur Bezähmung Caesars bietet sie freilich eine Schar beherzter Memmen auf, die – als doch immerhin verantwortliche Senatoren! – wie politisch geringfügig Beschäftigte wirken, die den Honig der Tugend aus rührend-drolligen Kleinbürgermacken saugen: politisches Schwundmaterial, verblasste Ideologen.

Und so gewahrt man nicht ohne gerührtes Entsetzen, dass ein Cassius als kahlköpfiges Bertolt-Brecht-Double (Ignaz Kirchner) eher glatzenklatschend mit der Verschämtheit seiner eigenen Verdrussanwandlungen zu kämpfen hat denn mit der Widerständigkeit des Brutus (Roland Koch).

Dieser, mit den Bügeln seiner Bürobrille hantierend, den Krawattenknoten wie ein Bedrückungsmal über den Pullunder gereckt, ähnelt einem Kanzleikonzipisten, dessen mild magensäuerliches Geschwätz vielleicht zur Demontage eines korrupten Stadtverordneten taugte – aber eines Caesar? Was treibt ihn um – außer die absehbare Angst vor einer Gemahlin (Myriam Schröder), die als Paradiesschlange im roten Nachthemd den Geheimnisträger spätnachts, wenn die Nordlichter funkeln, zwar ausschilt, aber höchstwahrscheinlich bloß seine Ehepflichtversäumnisse meint?

So krachen nichts als kleinbürgerliche Initialdefekte in das große, grobe Ganze. Rom schwärt und gärt – aber aus seinen anthrazitgrauen Ritzen kriechen nur Modernitätsverlierer, die von Marc Anton (Michael Maertens), einem aasig näselnden Bezirksluden mit den Weinerlichkeitsallüren des geübten Spiegeltrinkers, wie Kroppszeug weggeräumt werden.

Maertens’ Totenrede vor dem Leichnam Caesars, ganz Fernsehabend-kuschelig an die Rampe hingewanzt, mit Bedrückungen und Hysterien hübsch aufgebauscht, markiert den letzten Wendepunkt in einer bedrückenden Produktion, die ihr eigenes Desinteresse an einer politischen Begriffschärfung in ein letztlich belangloses Kunterbunt herunterbiegt. Die pausbäckig über Wohlstandsbürger räsoniert, dabei aber immerzu begütigend ausruft: Hier wollen doch alle bloß spielen!

Und so verkommen insbesondere die Akte vier und fünf zu orientierungslosestem Stadttheater, das mit aufgestellten Lederkrägen über die Feigheit vor der politischen Stellungnahme hinwegsegelt.

Wie ruft Marc Anton den Verschwörern vor der Entscheidungsschlacht zu Philippi so treffend zu? Sie alle seien "alte Männer". Den längsten Bart aber trägt dieser Burgtheater-Caesar. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.3.2007)

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    Aufstand der Wohlstandsbürger gegen eine eingebildete Gefahr: Caesar (Peter Simonischek) liegt erdolcht, Sven Dolinski, Bernd Birkhahn, Roland Koch, Cornelius Obonya und Ignaz Kirchner (v. li.) sehen betroffen auf ihn ...

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