"Schreckliche Hierarchie unter den Gesundheitsberufen"

20. Juni 2007, 16:34
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Pflegewissenschafts-Professorin Seidl im derStandard.at-Interview über den Mythos 24-Stunden-Pflege und den Fehler, Angehörige nicht in die Pflege einzubinden

Das Pflegemodell zur 24-Stunden-Betreuung geht unter dem Titel "Hausbetreuungsgesetz" in Begutachtung, am 1. Juli soll es in Kraft treten. Auf universitärer Ebene sieht es indessen mager aus: Hochqualifiziertes Pflegepersonal fehle in Österreich nach wie vor, warnt Elisabeth Seidl, Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Uni Wien. Auch wenn im Regierungsprogramm ein Institut für Pflegewissenschaften gefordert wird, ist die Finanzierung des Wiener Standortes noch immer nicht gesichert (derStandard.at berichtete). Ob das geplante Bakkalaureat für Pflegewissenschaften im Herbst starten kann, steht in den Sternen. Im Regierungsprogramm sei eine Professur für Pflegewissenschaften jedenfalls vorgesehen. Im Gespräch mit Anita Zielina fordert Seidl die Aufwertung des Berufsstandes des Pflegepersonals durch bessere Ausbildung und nennt Konkurrenzängste "absolut unbegründet".

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derStandard.at: Wie sehen Sie die Situation rund ums Thema Pflege? Wie dramatisch ist die Lage in Österreich tatsächlich?

Seidl: Ich weiß, dass wir eine große Anzahl von Pflegepersonen brauchen. Wir haben im EU-Durchschnitt viel weniger Pflegepersonen als etwa die nordischen Länder, die haben drei- bis viermal so viel. Das sind zu einem großen Teil Personen, die im häuslichen , familiären oder im Gemeindebereich arbeiten. Diese große Zahl erreicht man im Allgemeinen nicht allein durch vermehrte Grundausbildung, hier muss auch höhere Qualifikation ins Spiel kommen. Wenn man die Pflegenden höher qualifiziert, hat es Folgen: Der Beruf steigt in seinem Ansehen, und er könnte einen besseren Status bekommen. Was dann auch dazu führt, dass die Verweildauer im Job hoffentlich ansteigen wird. Das Argument der Versorgung der Bevölkerung ist also ebenso wichtig wie das der Aufwertung des Berufstandes, die durch höhere Bildung gewährleistet ist.

Was bei uns so sehr fehlt ist ein „Shift“ von der stationären Versorgung in Krankenhäusern und Heimen, die bei uns stark dominiert, hin zu der Versorgung im gemeinde- und familiennahen Bereich. Da müsste eine große Bewegung stattfinden.

derStandard.at: Wie erreicht man diese Bewegung?

Indem man engagierte, hochqualifizierte Mitarbeiter in den Gemeinden, in den Kommunen anstellt. Man muss mit Schulungen beginnen, das Ziel ist ein gezielter Einsatz von Freiwilligen nach diesen Schulungen. Es müssen sich Netze bilden, Netze, die die Angehörigen mit einbeziehen. Die Angehörigen sind das größte Potenzial, das wir haben. Man muss erforschen, wo der Bedarf, wo die Bedürfnisse der Bevölkerung sind, um richtig reagieren zu können. Und auf universitärer Ebene diese kompetenten Personen ausbilden.

derStandard.at: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass Österreich lange Zeit nichts in die Qualifikation im Pflegebereich investiert hat?

Warum wir in Österreich so spät dran sind, das hat schon mehrere Gründe. Wir haben lange Zeit geglaubt, unser Gesundheitssystem sei das beste der Welt. Dass die Versorgung zu Hause so wichtig ist, haben wir gar nicht beachtet. Den Bildungsschub, der in den 70ern europaweit vor sich gegangen ist, haben wir verschlafen, den haben wir gar nicht mitgemacht. Das betrifft nicht nur den Pflegebereich. Die Hintergründe dafür sind vielfältig, es wurde jedenfalls längere Zeit verhindert, dass Pflegepersonen universitär gebildet werden.

Wir haben halt auch eine schreckliche Hierarchie unter den Gesundheitsberufen. Man fürchtet vielleicht eine gewisse Konkurrenz von gut ausgebildeten Pflegepersonen - aber das ist absolut unbegründet. Bei uns hat die qualitätsvolle Ausbildung überhaupt erst nach dem Lainzer Skandal 1989 begonnen. Davor gab es nur Stationsgehilfen, die hatten so gut wie keine Ausbildung. Wir waren da viel zu spät dran.

derStandard.at: Wie macht man Pflege leistbar und sichert zugleich annehmbare Arbeitsbedingungen?

Man zieht das immer von der Seite der Illegalen auf, das ist ein sehr problematisches Vorgehen. Vor allem auch deshalb, weil der Eindruck erweckt wird, man bräuchte lauter 24-Stunden-Pflegekräfte. Die Hauskrankenpflege leistet aber Ausgezeichnetes und kann so hohe Qualität bieten, dass man eben nicht rund um die Uhr jemanden braucht, der da ist.

In unseren Studien hat sich gezeigt: Es gibt eine sehr große Kompetenz pflegender Angehöriger, und viele von ihnen pflegen ihre Lieben gerne selber. Viele würden nur gezielte Unterstützung brauchen, die man ihnen aber nicht gibt. Einmal in der Woche, einmal im Monat einen Tag, wo sie richtig entspannen können – und das wird momentan nicht gewährleistet.

derStandard.at: Es ist immer noch unklar, ob das reguläre Pflegewissenschaftsstudium in Wien im Herbst wie geplant starten kann – haben Sie noch Hoffnung?

Die Besorgnis ist natürlich da, dass das Bakkalaureat nicht stattfinden kann. Wir haben zuletzt von der Medizin-Uni gehört, dass das Studium beginnen kann, wenn die Stadt Wien oder das Ministerium das zahlen. Es gibt also Bemühungen, aber wie es ausgeht kann man noch nicht sagen. Es ist jedenfalls schon sehr dringend, wenn die Bakk-Ausbildung im Herbst starten soll. Wir brauchen außerdem weitere Professuren, weil wir schon jetzt für 1000 Studierende nur eine Professorin haben, und noch viele Angebote dazukommen werden. In den Regierungsvereinbarungen gibt es den Passus, dass eine Professur für Pflegewissenschaften geschaffen werden soll – das muss man jetzt auch forcieren. (Anita Zielina/derStandard.at, 15.3.2007)

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Institut für Pflegewissenschaften

Zur Person
Elisabeth Seidl ist seit Oktober 2004 Professorin für Pflegewissenschaft (vom Österreichischen Roten Kreuz und von der Caritas der Erzdiözese für drei Jahre gestiftet) und Institutsvorständin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Fakultät für Sozialwissenschaften. Ihre Forschungs­schwerpunkte sind Gesundheits- und pflegerische Versorgung chronischkranker und alter Menschen, Kommunikation und Interaktion in der Pflege und die Entwicklung des Pflegeberufs.

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    Universitäre Ausbildung für Pflegepersonal ist noch immer ein Stiefkind. Ob das geplante Bakkalaureat für Pflegewissenschaften im Herbst starten kann, steht in den Sternen.

  • Das Konzept des Wiener Instituts für Pflegewissenschaften zum Download.

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