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Nicht linear und dennoch stringent

15. März 2007, 19:42
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Der Performance-Schwerpunkt beim donaufestival 07 spielt mit der Mehrdeutigeit des Alltagslebens

Zu sehen sind Still-Life-Performances, schmerzhafte Spielkonsolen, theatralische Gemeinschaftsinstallationen, audiotaktile Medienwelten und vieles mehr.

 

Küchengeschichte(n)

Mit dem Untertertitel You've never Had It So Good läutet das Künstlerkollektiv Gob Squad ein unterhaltsames Spiel mit der Wahrnehmung und Wirklichkeit von Alltagskultur ein und geht dabei zurück zum Ursprung, zum Anfang als Andy Warhol Mitte der 1960er eine 16mm Filmkamera auf seinen Freunde in einer Küche richtete. Gob Squad rekonstruieren jeden Abend aufs Neue, Kitchen, Sleep und andere frühe Warhol Filme - in dem Glauben, die Essenz und den Geist dieser schwer zugänglichen Werke nur damit wirklich dann erfassen zu können, wenn man sich selbst in sie hineinbegibt. Zurück zu dem Moment, wo alles noch gut war: der Sex, die Drogen, der Rock'n Roll - alles gut und heute wieder neu zu entdecken.

Proletarisches Wandbild

Im Proletarischen Wandbild, einer Reflexion auf das in DDR-Zeiten bekannte "proletarische Standbild", steht der in Berlin lebende Künstler Johan Lorbeer in der grell orangefarbenen Arbeitskleidung eines Berliner Straßenkehrers im 90-Grad-Winkel reglos aus der Wand. In drei Metern Höhe scheint er in seinen Still-Life-Performances die Gesetze der Schwerkraft - sowohl für Zuseher als auch für sich selbst - aus den Angeln zu heben. Stundenlang verharrt er in physikalisch unmöglichen Positionen und reduziert sich selbst dadurch zur Skulptur. Von Lorbeers Standpunkt aus, wird die Wand zum Boden und der Künstler sieht seine Betrachter aus der Wand stehen.

Hat die Haut Ohren?

Dieser Frage wird in der audiotaktilen Installation Pause von Lynn Pook und Julien Clauss während der gesamten Festivaldauer in der Festivallounge auf den Grund gegangen. Fünf sternförmig auf einem Gerüst befestigte und miteinander verbundene Klang-Liegen bilden das entspannende Mobiliar für einen akustischen Grenzgang. Jede dieser Hängematten ist mit 14 Lautsprechern ausgerüstet, über die bewegte, minimalistische Klangereignisse ausgesendet werden. Mit dem Hinlegen schließen sich die Besucher der Installation nicht nur an das audiotaktile Soundsystem an, sondern sie bewegen schaukelartig auch ihre vier Liegegenossen und werden wechselwirkend auch von diesen bewegt. Es beginnt eine wogende Entdeckungsreise in das unerforschte Klangterritorium Haut, eine überaus sensible körperliche Membran für akustische Wellen.

Göttliche Unterhaltung

Das junge Performance-Kollektiv God's Entertainment reißt gleich mit zwei Produktionen die Aufmerksamkeit von Passanten an sich. In der als "Coin Operated Racism" bezeichneten Aktion Krems ist anders? werden alle Betrachter unfreiwillig zu Akteuren einer choreographierten gewalttätigen Aktion über Rassismus und Gesellschaft. Fight Club ¬- realtekken verwischt die Grenzen zwischen Spiel und Realität bewusst und testet die Gewaltbereitschaft des Publikums. Das Publikum wird eingeladen über Joysticks ein altbekanntes und höchst beliebtes Kampf-Computer-Spiel zu spielen oder aber als anfeuernde Crowd an einem "illegalen Austragungsort" zu agieren und "höchst lukrative" Wetten abzuschließen. Die Spielstätten der beiden Aktionen werden aus Sicherheitsgründen und zur Spannungssteigerung erst kurz vor ihrer Aufführung bekannt gegeben.

Mobile Internet-Jagd

Mit Can You See Me Now?, einem bei der Ars Electronica 2003 preisgekrönten Spiel, das gleichzeitig online und im Stadtraum von Krems stattfindet, erklären die Londoner Blast Theory ihr Publikum zum Freiwild und sich selbst zu Jägern. Bis zu 20 Spieler können sich via Internet gleichzeitig durch die Gassen, den Verkehr und die Menschenansammlungen des virtuellen Krems, das am Screen in Form eines Stadtplans erscheint, von Blast Theory jagen lassen. Die Jäger selbst werden aber im realen Stadtraum ihr virtuelles Freiwild bejagen - von Satelliten aufgestöbert erscheinen die Positionen der realen Jäger auf dem virtuellen Stadtplan, die Jäger sehen wiederum auf ihren Handcomputern die Positionen der gejagten virtuellen Spieler. Die Faktoren der realen Welt können für Jäger wie Gejagte zum Vor- und Nachteil werden: Waidmanns Heil!

Partikelhafter Bildersturm

Die Themen, Stories und Dialoge ihrer Produktionen sind ein Patchwork an entlehnten Partikeln aus Reality- TV-Formaten, B-Movies oder Chat-Rooms im Internet. Indem die Big Art Group aber die Regeln des medialen Bilderspiels und all seine Bedeutungsebenen attackieren, die Versatzstücke in anarchischer Weise neu zusammenkleben und mit blindwütiger Hysterie aufladen, schänden sie das verheerende Spiel medialer, gesellschaftlicher und somit auch sozialer Irrealität. Beim donaufestival debütierte die Big Art Group im vergangenen Jahr mit House Of No More, dem furiosen Abschluss einer Trilogie von Real-Time-Film-Performances. 2006 wurde am Berliner Hebbel Am Ufer mit Dead Set #2 eine tiefstschwarze Fantasie über sexuellen Fetisch und Kannibalismus eingetrommelt. Mit der Fortsetzung und Weiterentwicklung dieses Werks gastiert die Big Art Group mit Dead Set #3 nun in Krems.

Schmerzhaftes Balkentennis

2001 stellten Volker Morawe und Tilman Reiff ihr Projekt der PainStation erstmals vor. Die Kombination eines Videospiels mit der Komponente real zugefügten Schmerzes sorgte weltweit für rege Diskussionen und stellt die Frage, ob die Zeit nicht reif sei, der Menschheit eine Prothese zu reichen, eine Art unblutiges Schlachtfeld, das "nicht minder spektakulär und tough ist", um die permanenten gesellschaftlichen und zwischenmännlichen Konfliktsituationen in ein neues Ritual zu übersetzen. Die PainStation ist der "Prophet einer zukünftigen, nicht unbedingt friedfertigeren, aber More-Efficiency-Civilization". An der Konsole stehen einander die Kontrahenten Auge in Auge gegenüber. Basis des Duells ist Pong (Balkentennis), eines der Konsolenspiel der ersten Generation. Verfehlt einer der Spieler den Ball, ist dies nicht nur ärgerlich sondern auch schmerzhaft.

Quadratur des performativen Kreises

Mit der Arbeit Europiraadid gelingt der "Boygroup der Performance", Showcase Beat Le Mot, die Quadratur des performativen Kreises. In Kooperation mit dem Von Krahl Theater aus Tallinn wirkt ihre Sprache wie die Wiedergeburt des Theaters aus dem Geist der Popkultur: Konventionelle Sitzrituale werden abgelegt - Performance als Club, in dem Trinken, Rauchen und Essen erwünscht sind. Andererseits laden sie die clubartigen Aktionsräume mit hoch politischen Inhalten auf und spielen auf ambivalente Weise mit dem alten Anspruch des Lehrstückhaften. Mit der Piraten-Revue Europiraadid kehren sie nach ihrem sensationellen Debüt beim donaufestival 05 Alarm Hamburg Shanghai nun zurück. Sie rauben, sengen, morden und betrügen im Namen der Gerechtigkeit, bis sie schließlich auf dem Marktplatz am Galgen baumeln. Die Revue beinhaltet auch den Verzehr eines Spanferkels und den Konsum von kubanischem Rum. (fratha)

  • Balkentennis 2007: Verfehlt einer der Spieler den Ball, ist dies nicht nur ärgerlich sondern auch schmerzhaft.
    foto: fur art entertainment interfaces

    Balkentennis 2007: Verfehlt einer der Spieler den Ball, ist dies nicht nur ärgerlich sondern auch schmerzhaft.

  • Big Art Group: Attacke auf die Regeln des medialen Bilderspiels und all seine Bedeutungsebenen
    foto: jemma nelson/big art group

    Big Art Group: Attacke auf die Regeln des medialen Bilderspiels und all seine Bedeutungsebenen

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