Wo Flüsse rückwärts fließen

19. März 2007, 15:25
6 Postings

Tausende Touristen besuchen jährlich die berühmten Tempel von Angkor - Sie widmen ihren drei- bis fünftägigen Aufenthalt den Zeugen der Geschichte Kambodschas

Im Stockdunkel holpert das kleine Tuk-Tuk über die unasphaltierte Straße. Die Fahrgäste sind in Decken gehüllt, ungewohnt kühl ist es in den frühen Morgenstunden. Noch vor Sonnenaufgang wird das Ufer des Tonle Sap, des größten Süßwassersees Südostasiens, erreicht. In einem kleinen Langboot geht es auf den See hinaus. Vorbei ist es mit der Morgenruhe, das laute Dröhnen des Bootsmotors macht für eine Weile jede Unterhaltung unmöglich. Dann plötzlich verstummt dieser. Der Fahrer, ein älterer Kambodschaner mit dunkler, vom Wetter gegerbter Haut und bestechendem zahnlosen Grinsen, zaubert aus einem Korb Kaffee, Baguette und Croissants hervor. Französisches Frühstück bei Sonnenaufgang am See – ein Relikt aus der französischen Kolonialzeit, für das jeder Kambodscha-Reisende dankbar ist. Das frühe Aufstehen hat sich bereits gelohnt. Mit den ersten Sonnenstrahlen nimmt die Umgebung Konturen an. Endlos weit erscheint der See. Kein Ufer ist in Sichtweite. Einige V-förmig aufgestellte Fischzäune unterbrechen die unendlich wirkende Wasserfläche. Am Bug des Bootes lässt der Fahrer mit einem lauten Schnalzen den Motor wieder an. Nach einer weiteren Stunde Fahrt erscheinen plötzlich die ersten versunkenen Bäume, Vorboten der versunkenen Wälder.

Alljährlich im Juni, mit dem Einsetzen der Regenzeit, beginnt sich der Tonle Sap auszudehnen, bis er etwa die fünffache Größe erreicht. Dabei werden die angrenzenden Ufer kilometerweit überschwemmt. Bäume, ja ganze Wälder versinken für etwa vier Monate unter Wasser. Die Wassertiefe steigt von nur einem auf bis zu zehn Meter an. Es ist eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt, die sich diesem Schauspiel der Natur angepasst hat. Ausgangspunkt des Phänomens ist ein Fluss, der seine Fließrichtung im Juni ändert, sozusagen rückwärts Richtung See fließt und diesen befüllt – bis er im Oktober, zu Beginn der Trockenzeit, wieder Richtung Mekong abfließt. Dies ist der Anlass für das größte Festival Kambodschas: das Wasserfest, das jedes Jahr im Oktober im ganzen Land mit Drachenbootrennen eine Woche lang gefeiert wird. Eigentlich müsste man mindestens zweimal hierher kommen. Ein Mal im Oktober am Ende der Regenzeit, wenn der Wasserstand hoch ist und das gesamte Leben sich am Wasser abspielt, und dann nochmals Ende Februar, bevor die Hitze unerträglich wird.

An Wasserstand angepasst

Auch die Menschen haben sich über die Jahrhunderte an den wechselnden Wasserstand angepasst. Schwimmende Dörfer, die mit der wechselnden Uferlinie mitziehen, und Häuser auf bis zu zehn Meter hohen Stelzen ermöglichen das Leben mit und vom Wasser. Ziel unserer Bootsfahrt ist das schwimmende Dorf Prek Toal. In kleinen Ruderbooten und unter dem Schutz von blau-weiß karierten Sonnenschirmen werden wir durch das Dorf gerudert. Das Paddeln übernehmen ortsansässige Frauen, für zwei Dollar die Stunde. Sie tragen bunte Kopftücher, haben ein breites Lächeln im Gesicht und steuern mit wenigen Paddelschlägen das Boot zielsicher durch den Ort. Ein Kleinkind ist auch mit an Board. Unter seinem großen Sonnenhut blinzelt es den Fremden skeptisch entgegen. Viele Touristen hat es bisher noch nicht nach Prek Toal verschlagen.

Die Menschen am See leben in bunten Holz- oder einfachen Bambushäusern, die auf Bambusfloßen gebaut sind. Aneinandergekettet und im Schutz von Bäumen, die aus dem Wasser ragen, bilden sie ein schwimmendes Dorf. Nur mit Booten kann man sich auf den Wasserwegen durchs Dorf bewegen. Die Häuser sind nach vorne hin offen. Die Einrichtung ist spartanisch. Eine Familie sitzt zum Mittagessen auf Strohmatten am Boden. Zum Schlafen werden später Hängematten zwischen den Holzbalken der Veranden aufgehängt. Was jedoch in keinem Haus fehlen darf, verraten die Antennen auf dem Dach: Sogar hier hat die westliche Welt Einzug gehalten, wenn auch bisher nur durch den Blick in den Fernseher.

Fröhliches Kinderlachen kündigt schon von Weitem die Schule an. Neben der Pagode das einzige Gebäude, das nicht schwimmt, sondern im Rahmen eines Unesco-Projektes auf Stelzen errichtet wurde. Elf Uhr, Schulschluss. In blau-weißen Uniformen springen die Kinder in ihre Ruderboote und paddeln nach Hause. Neben der Schule befindet sich etwas, das auf den ersten Blick wie ein schwimmender Käfig aussieht. Das Fußballfeld! Die einzige Möglichkeit für Kinder, im schwimmenden Dorf herumzulaufen.

Der schwimmende "Greißler"

Die Dorfbewohner leben vom Fischfang. Mit einfachsten Netzen ziehen sie im Morgengrauen los. Bei gutem Fang wird der Fisch zum Trocknen ausgelegt, um für magere Zeiten vorzusorgen. Alles andere wird von fahrenden Händlern, die in Booten von Haus zu Haus reisen und ihre Waren anbieten, geliefert. Der schwimmende "Greißler" hat in seinem Hausboot alles, was man zum Leben braucht. Gemüse- und Obsthändler bringen in ihren Booten täglich frische Waren aus der Umgebung. Die Händlerin, eine Vietnamesin mit ihrem typischen pyramidenförmigen Hut, schält und schneidet die Ananas im Handumdrehen in mundgerechte Stücke. Eine junge Mutter mit der kleinen Tochter fährt in ihrem mit Kleidungsstücken vollgeladenen Boot von Haus zu Haus und verkauft Blusen und Sarongs, die traditionellen kambodschanischen Tücher.

Das Leben am Wasser macht erfinderisch. Einige Familien nennen sogar schwimmende Schweineställe ihr Eigen. In auf Bambusflößen errichteten Gärten werden Obst und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut. Hühner, Katzen und Hunde teilen sich das Leben am Wasser mit den Menschen. Sogar Krokodile werden gezüchtet und nach Vietnam verkauft, wo man sie verspeist und das Leder zu Handtaschen verarbeitet wird. Nur Vogeleier werden nicht mehr länger aus den Nestern gesammelt. Seit internationale Forscher erkannt haben, dass der Tonle Sap einer der letzten Zufluchtsorte für große Wasservögel ist, sind diese zunehmend unter Schutz gestellt. Im Vogelschutzgebiet von Prek Toal können besonders während der Brutzeit von Dezember bis Februar Störche, Ibisse, Kormorane, Pelikane und Reiher beobachtet werden. An strategischen Punkten wurden Beobachtungsstationen in den Baumkronen errichtet. Etwas Wagemut gehört schon dazu, über die improvisierte Holzleiter auf die wackelige Plattform zu klettern. Doch es zahlt sich aus. Nung, unsere kambodschanische Führerin, deutet ganz aufgeregt auf das Fernrohr. In einer Baumkrone, nur einige hundert Meter entfernt, kann man ein besonders seltenes Vogelpaar beim Nestbau beobachten. Der Milchstorch zählt zu den weltweit vom Aussterben bedrohten Tierarten. Ein anderer Baum, ganz in der Nähe, scheint bei den Kormoranen besonders beliebt zu sein. Dutzende der großen, schwarzen Vögel haben sich in der Baumkrone niedergelassen, um dort ihr Nest zu bauen. Vogelzwitschern ist allerdings keines zu hören, die Kormorane geben nur dumpfe, krächzende Geräusche von sich. Der Abstieg von der Plattform ist beinahe noch spektakulärer als der Aufstieg, doch niemand fürchtet sich ernsthaft davor, ins Wasser zu fallen. Allzu willkommen wäre ein kühles Bad an diesem heißen Tag. Diesem Wunsch wird auch sofort entsprochen. Auf der Rückfahrt halten wir für einen Badestopp. Einmal über Baumkronen hinwegschwimmen, diese Gelegenheit will niemand versäumen, auch wenn es etwas Sportlichkeit erfordert, wieder ins Boot zu klettern. Mit der untergehenden Sonne im Rücken fahren wir wieder über den großen See. Der Blick zurück bietet ein letztes, eindrucksvolles Bild an diesem außergewöhnlichen Tag: Eine Kolonie Silberreiher schwingt sich gerade elegant in den tiefroten Himmel empor. (Sonja Endlweber/Der Standard/Rondo/16/03/2007)

Ansichtssachen
Tonle Sap – Nicht nur mit Booten bewegen sich die Menschen am Tonle Sap vorwärts ...
Kambodscha – Wir waren schon da

Anreise: Z.B. mit Austrian Airlines oder Eva Air nach Bangkok, von dort mit Bangkok-Airways nach Siem Reap

Einreise: Visumpflicht.

Bei der Einreise über die internationalen Flughäfen Phnom Penh und Siem Reap kann gegen eine Gebühr von derzeit USD 20,- ein 30-Tage-Visum erlangt werden (Passfotos mitnehmen).

Agenturen vor Ort: Spezialisten für Ex- kursionen auf den Tonle Sap See: Osmose (+855 12832812, Email, osmoseTonleSap ist Spezialist für Ökotourismustouren am See.

Terre Cambodge (Tel.: +855(0)12 982 062 /+855 (0)63 964 391, terrecambodge, Email) veranstaltet ein bis fünftägige Touren im traditionellen Sampan Boot Sicherheit: Kambodscha gilt als eines der sichersten Reiseländer in Asiens.

Infos: Außenministerium

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schnappschuss: Sonnenaufgang in Angkor Wat.

Share if you care.