Mehr als ein Tenor

15. März 2007, 17:00
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Freude darüber, wenn die Hässlichen gewinnen - Oder: Die Dramatik eines Auserwählten reicht für Tränen des Glücks

+++Pro
Von Gudrun Harrer

Als ich mich irgendwann in der Volksschulzeit von Roy Black innerlich entfernte, erschien Franco Corelli am musikalischen Horizont, an meinem Horizont, will ich sagen, denn so jung war der Knabe damals ja nicht mehr. Ich hingegen war zweifellos frühreif, ein so viehisches Brüllen wie das Corelli'sche (ein echter "spinto" halt) rührt doch eher an Saiten, die sich erst in der Pubertät spannen, nicht wahr? Egal.

Was ich sagen will, ist, dass mich der ungestüme männliche Gesang in hohen Registern früh begeisterte, um mich, es sei gestanden, mit fortschreitender Altersauskühlung kalt und kälter zu lassen. Je älter, desto wichtiger die Technik, ich sage nur: Bladarotti. Abgesehen davon, dass man sich freut, wenn die Hässlichen gewinnen. Und wenn ich hier massier- ten Ansammlungen von meinen alten Standards nur entfernt entsprechenden tenoralen Wesen das Singen nicht verbieten will, dann hat das natürlich mit Altersmilde zu tun. Und dem Sinn fürs Praktische. Bei den "ten tenors" galt das Ticket als Fahrschein in Wien. Unübertrefflich.

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Contra---
Von Ljubisa Tosic

Der Besitz einer Stimme berechtigt dazu, diese zu erheben - es lebe die Demokratie! Doch mag diese Stimme auch passabel sein, sich im richtigen Bereich bewegen, sie berechtigt keinesfalls dazu, sich Tenor zu nennen! Zu einem solchen wird man auch nicht durch Zusammenrottung; ein Irrtum, den diverse Singgruppen bildende Leichtgewichte ("Die fünf Tenöre", "Die zehn Tenöre", gar "Die 101 Tenöre" oder "Die jungen Tenöre") immer wieder verbreiten dürfen.

Tenor! Er braucht nur sich, eine Bühne und kein Mikro. Er trägt die Sehnsüchte der Hörer in riskante, sternnahe Bereiche, er gebiert Zorn und Raserei, indem er Auftritte absagt. Er straft Undankbarkeit, indem er mitten in der Aufführung abhaut, denn immer und überall will er spüren, dass man versteht, welche Last es bedeutet, jener Auserwählte zu sein, der Tränen des Glücks schenkt, indem er sein Innerstes als magischen Ton nach außen kehrt. Gagen? Nur Schmerzensgeld! All dies hatten die "Drei" übrigens schon hinter sich, als sie einander trafen. So hatten sie jedes Recht dazu. (Der Standard/Rondo/16/03/2007)

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    Die großen Tenöre...

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