Versäumte Schulplanung an der Peripherie

16. Juli 2007, 11:28
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In den Boom-Bezirken nördlich der Donau war seit Langem mit einem Mangel an AHS-Plätzen zu rechnen. Die Stadt will an der Misere nicht Schuld sein: Das sei die alte Bundesregierung

Wien – Um die beste Schule fürs eigene Kind zu bekommen, müssen in Wien offenbar auch sehr unorthodoxe Wege eingeschlagen werden: Frau F., sie will nicht genannt werden, lebt mit ihrer Familie in Brigittenau. Sogar in nächster Nähe zu einer AHS. Nur: Ihr Kind mag dort nicht hingehen. Und ein Schulbesuch am Tag der offenen Tür hat auch die Mutter diesbezüglich überzeugt. Wunschschule beider war eine, die leider im ersten Bezirk liegt. Für Brigittenauer ein quasi unerreichbares Ziel, dachte sich die Frau. Und, weil man sich so unter Eltern ja austauscht, kam sie – nicht als Einzige übrigens – auf eine Idee: Sie meldete das Kind bei ihren Eltern in Wien-Donaustadt an. AHS-technisch herrscht dort akuter Platzmangel, daher wurde empfohlen, auf innerstädtische Bezirke auszuweichen. Der Trick hat offensichtlich funktioniert. Die Brigittenauerin hält mittlerweile einen "vorläufig positiven Bescheid" ihrer Wunschschule in Händen – und ist zufrieden.

Nicht alle Eltern kamen auf solch findige Ideen, um einen Platz in ihrer Wunschschule zu ergattern: 797 Schüler meldeten sich an den fünf öffentlichen AHS in Donaustadt an, 175 wurden abgewiesen und an innerstädtische Schulen verwiesen. "Der Bezirk weist seit mehreren Jahren darauf hin, dass es zu wenig Gymnasien gibt", erklärt der Bezirksvorsteher der Donaustadt, Norbert Scheed (SP), die Tatsache, dass trotz des enormen Bevölkerungswachstums in den Bezirken nördlich der Donau offenbar keine höheren Schulen eingeplant wurden – während die Ausstattung mit Kindergärten, Volks- und Hauptschulen ausreichend ist. Heute ist der Bezirk mit knapp 145.000 Einwohnern nach Favoriten der zweitgrößte in Wien. Seit 1991 wurde durch zahlreiche Wohnanlagen ein Bevölkerungswachstum von 28 Prozent verzeichnet, ein Bedarf an Schulen war also absehbar. Ebenfalls betroffen ist der Nachbarbezirk Floridsdorf, wo es bei 965 AHS-Anmeldungen in vier Schulen 50 Abweisungen gab.

Eine davon ist das Bertha von Suttner-Schulschiff – und quasi ein Musterbeispiel, wie aus einer Notlösung eine dauerhafte, erfolgreiche Einrichtung werden kann. Denn die Idee, eine schwimmende Schule zu errichten, war Anfang der 90er-Jahre nur aufgrund massiver Probleme bei der Suche nach einem "normalen" Standort aufgetaucht.

Für den Wiener Stadtschulrat, die Stadtplaner und den Bezirksvorsteher gibt es nur einen Schuldigen an der jetzt aufgetretenen Misere: die schwarz-blaue Regierung, deren Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (VP) den dringend nötigen Schulbau blockiert habe. "Es war eine ständige Hinhaltetaktik", beschreibt Scheed. Die Standortentscheidungen für Schulneu- und -ausbauten seien längst gefallen, eine Baubewilligung wurde vom Ministerium aber verweigert – bis die Donaustädterin Claudia Schmied (SP) das Amt übernahm und die Aufstockung der AHS-Plätze an vier Standorten genehmigte. "Wir sind die längste Zeit im Kreis gelaufen", beteuert man auch im Büro der Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl. Der Bund habe Renovierungen von innerstädtischen Schulen der Schaffung von neuem Schulraum vorgezogen.

"Man kann die Stadtentwicklung nicht stoppen, weil Infrastrukturträger wie die Bundesschulverwaltung nicht die nötigen Maßnahmen setzen", argumentiert Thomas Madreiter, Leiter der Stadtplanungsabteilung. Bei der Planung von Schulen in Stadtentwicklungsgebieten muss nach Erfahrungswerten gehandelt werden, erklärt Peter Chlup von der Stadtbaudirektion. Gerade bei Gymnasien sei die Entwicklung der Schülerzahlen jedoch sehr schwierig zu prognostizieren. Außerdem würden Schulen so geplant, dass sie dem durchschnittlichen Bedarf und nicht der Spitzenlast nach Neuzuzügen entsprechen. "Die peripheren Stadtgebiete, wo die Grundstücke für den geförderten Wohnbau noch erschwinglich sind, ziehen junge Familien an", räumt Chlup ein. 27,5 Prozent der Donaustädter sind zwischen 30 und 45 Jahre alt, nur im 6. und 7. Bezirk wohnen mehr Menschen in dieser Altersgruppe. Der Boom geht weiter: Bis 2031 wird mit einem Wachstum von 36 Prozent gerechnet. "Von einer verfehlten Infrastrukturplanung zu sprechen, halte ich für unfair", meint Chlup und weist darauf hin, dass viele Schüler aus dem umliegenden Niederösterreich in die Wiener AHS drängen. Was der Stadtschulrat nicht so sieht: Niederösterreichische Zuzügler würden keine große Rolle spielen.

Am Mittwoch hat sich selbst Bundeskanzler Alfred Gusenbauer in die Diskussion um die AHS-Plätze eingeschaltet. "Es werden alle, die in Österreich für einen Gymnasiumplatz geeignet sind, auch einen bekommen", versicherte er nach dem Ministerrat. Dass Eltern "auf den Knien herumrutschen" müssten, um ihr Kind aufs Gymnasium zu bringen, wies Gusenbauer zurück: "Welchen Beitrag diese Art der Fortbewegung leistet, um einen Schulplatz zu bekommen, weiß ich nicht." (Karin Krichmayr, Peter Mayr/DER STANDARD-Printausgabe, 15. März 2007)

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    Gestartet als Notlösung, jetzt wichtige Dauereinrichtung: das Bertha von Suttner-Schulschiff.

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