"Der koloniale Blick ist beliebt"

15. März 2007, 07:00
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Die Geschichten über Frauenhandel sollen von den Betroffenen entkoppelt werden, meint Regisseurin Anja Salomonowitz im dieStandard.at-Interview

Anja Salomonowitz macht Kunstfilme und gewann gerade auf der Berlinale den Caligari-Filmpreis im internationalen Forum des jungen Films. Ihr Film "Kurz davor ist es passiert" zum Thema "Frauenhandel" läuft im Mai in den Kinos an.
Ein Interview von Kerstin Kellermann.


dieStandard.at: Dein Film "Kurz davor ist es passiert" schafft eigentlich Distanz. Während andere Filme in Herz und Hirn der ZuschauerInnen eindringen wollen, lässt dein Film die Leute extra draußen. Warum hast du diese Methode verwendet?
Anja Salomonowitz: Die Geschichten über Frauenhandel sollen von den betroffenen Frauen entkoppelt werden. Denn das Thema Frauenhandel kommt normalerweise in den Medien zumeist in skandalisierter Form vor - die Frauen weinen, wenn sie ihr Schicksal erzählen. Im Gegensatz dazu wollte ich die Geschichten so freilegen, dass die Strukturen, Bedingungen und Mechanismen hinter den Lebensgeschichten klar werden. Weil das Mitleid den Frauen gar nichts bringt, sie brauchen Rechte. Eine gewisse Distanz als Methode ist interessant: In meinem anderen Film "Das wirst du nie verstehen" erzählt mir z.B. meine jüdische Oma einen Teil ihrer Geschichte von Auschwitz über das Telefon. Es war leichter für sie am Telefon zu sprechen, ohne ihr Gesicht zu zeigen. Ich dachte mir dann, das könnte ein Weg sein, Geschichten aufzunehmen, ohne dass man die Betroffenen fest macht und sie noch einmal herhalten müssen.

dieStandard.at: Der Film schafft eine tolle Brücke zwischen dem "normalen" Alltag und der alltäglichen Realität des Frauenhandels. Sonst wäre sicher gleich die Ablehnung da, sich mit dem Thema zu beschäftigen...
Salomonowitz: In meinem Film spielen Laien mit, die diese Berufe wirklich ausüben. Der Zöllner ist wirklich ein Zöllner, die Diplomatin eine Diplomatin. Die Nachbarin fanden wir durch die Kronenzeitung. Das war mir das Wichtigste, dass die Leute echt sind, in dem Feld arbeiten und sich mit dem Thema auseinander setzen oder auch nicht. Aber die Leute im Film sollen nicht schuld sein an den Geschichten. Die Personen im Film sind in ihrer Funktion da und nicht direkt als Person. Sie sollen der ZuschauerIn nicht die Bewusstseinsarbeit abnehmen. Man soll auf sich selbst zurück geworfen werden. Man soll nicht denken, okay, der hat das jetzt aufgearbeitet und deswegen ist die Geschichte abgeschlossen. Nein, die Geschichte ist nicht aufgearbeitet! Ganz simpel. Der französische Philosoph Pierre Bourdieu sagt, dass die Leute ja nicht als RassistInnen geboren werden, sondern dass der soziale Wohnbau daran schuld ist, in dem alle Sozialfälle versammelt werden. Rassismus ist anerzogen, die Leute sind nicht so sehr persönlich daran schuld, sondern eben die Strukturen. Meine ProtagonistInnen sind ebenfalls Gefangene ihrer Strukturen - zumeist als Hackler.

dieStandard.at: Im Film sieht man ja auch die Isolation der Leute mit "normalen" Alltagsleben sehr krass. Das im Alltag oft schon angeknackste emotionale Gebäude einer Frau kriegt dann quasi einen starken Schups durch die Frauenhändler. In den Texten geht es ja oft um den Beginn des Frauenhandels, den ersten Moment... - an dem die Gewalt in das Leben der Frau eindringt...
Salomonowitz: Ich finde das Moment der Ohnmacht total wichtig. Durch die Wiener Organisation LEFÖ, die seit Jahrzehnten gegen Frauenhandel arbeitet, und Interviews mit betroffenen Frauen habe ich vermittelt bekommen, dass man als Frau stark hinein gerät und ständig versucht zu normalisieren. Okay, der Mann meint es nicht so, er will das und das, aber später wird das und das passieren. Man versucht ständig, sich die Situation schön zu reden, um die Situation aushalten zu können. Man gerät in einen Strudel, in eine Ohnmacht hinein. Man erlebt das Ganze am Anfang nicht so bewusst und es passiert einem jeder Schritt. Es wird immer schlimmer und jeder Schritt passiert einem wieder wie ein Gewitter. Die Geschichten sollten sehr exemplarisch sein und das Einzelschicksalhafte wegnehmen. Die Texte der Frauen sollten nicht individuell gefärbt sein. Ich finde es auch gut, dass man sagt, man kennt diese Geschichten, das ist schon wieder genau so eine Geschichte.

dieStandard.at: Gab es keine künstlerische Möglichkeit, das mit Hilfe der Frauen direkt zu machen?
Salomonowitz: Das wollte ich genau nicht. Und abgesehen davon, wäre es viel zu gefährlich gewesen, die Frauen im Film vorkommen zu lassen. Die, die ich kennen gelernt habe, hätten nicht mitgemacht.

dieStandard.at: Warum denkst du, ist das Bild des hilflosen, armen Opfers in den Medien so beliebt?
Salomonowitz: Weil es darum geht, einen kolonialen Blick aufrecht zu erhalten und das exotische Andere zu konstruieren, mit dem man Mitleid haben kann. Weil das Verhältnis nicht gleichberechtigt sein soll. Dass, was man den Frauen liefern müsste, wäre eine Perspektive des Widerstandes oder der Selbstorganisation. Das ist aber schwierig für gehandelte Frauen. Ich finde, dass die Handlungsmöglichkeiten in erster Linie bei Vereinen wie LEFÖ liegen. LEFÖ sind Kraft ihrer Erfahrung eine Autorität auf dem Gebiet. Sie können Gesetzesänderungen einfordern. Ich denke, der Film kann diese Organisation mehr ins Blickfeld rücken.

dieStandard.at: Wie kamst du dazu, dich mit dem Thema zu beschäftigen?
Salomonowitz: Ich wollte darüber sprechen, weil der Frauenhandel sehr eng mit dem restriktiven Fremdenrecht verknüpft ist. Das Thema Frauenhandel wird benutzt. Da wird immer von der großen bösen Kriminalität gesprochen, die es zu bekämpfen gilt und deswegen braucht man noch mehr Spezialeinheiten, Kieberer, Grenzen, Schlepper usw. Im Endeffekt bewirkt das Ganze nur, dass es noch schärfere Gesetze gibt und illegale MigrantInnen. Das System der Illegalisierung hinterfragt keiner. Dadurch, dass der Mann der Frau damit drohen kann, dass sie ausgewiesen wird, weil sie eben illegal da ist und nur eine Zeitlang bleiben kann, fängt die Erpressbarkeit an. Frauenhandel funktioniert ja immer so, schlechte ökonomische Ausgangslage in dem Land, wo du herkommst, du reist aufgrund falscher Versprechungen in ein anderes Land und kannst dort, wegen der schlechten, rechtlichen Lage, dermaßen ausgebeutet werden. Die schlechte rechtliche Lage ist das Problem und um die auch noch zu verheimlichen, wird das Gespenst der Kriminalisierung erfunden. Es soll gezeigt werden, dass strukturelle Gewalt andere Formen der Gewaltausübung begünstigt und hervorbringt. Zum Beispiel in der Geschichte, die der Zöllner erzählt: Wenn man der Frau nicht mit Illegalität und Ausweisung drohen könnte, hätte man nicht so ein starkes Druckmittel in der Hand.

  •  "Frauenhandel funktioniert ja immer so, schlechte ökonomische Ausgangslage in dem Land, wo du herkommst, du reist aufgrund falscher Versprechungen in ein anderes Land und kannst dort, wegen der schlechten, rechtlichen Lage, dermaßen ausgebeutet werden", meint Regisseurin Anja Salomonowitz (im Bild) im Interview.
    foto: poool
    "Frauenhandel funktioniert ja immer so, schlechte ökonomische Ausgangslage in dem Land, wo du herkommst, du reist aufgrund falscher Versprechungen in ein anderes Land und kannst dort, wegen der schlechten, rechtlichen Lage, dermaßen ausgebeutet werden", meint Regisseurin Anja Salomonowitz (im Bild) im Interview.
  • Filmstill aus "Kurz davor ist es passiert"
    foto: poool/lukasbeck.com
    Filmstill aus "Kurz davor ist es passiert"
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