Neue Freiheit mit Wehwehchen

14. März 2007, 22:07
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Aus traditionsreichen Fakultäten wurden eigenständige Medizin- Universitäten - doch es zwickt und zwackt an einigen Stellen im System

Ihre neue Freiheit als eigene Hochschulen würden sie nicht mehr hergeben wollen.

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Im ersten Moment war es wohl ein Gefühl, als habe die Alma mater, die nährende Mutter, auf Veranlassung des staatlichen Vormundes, drei ihrer Kinder verstoßen aber heute, drei Jahre nach dem ersten Schock und einigem Widerstand, würde keine der österreichischen Medizin-Universitäten die mit 1. Jänner 2004 realisierte Ausgliederung der Medizinischen Fakultäten aus ihren "Mutter-Unis" wieder rückgängig machen wollen. Dabei war der Trennungsschmerz nach 639 gemeinsam verbrachten Jahren in Wien, 141 Jahren in Graz und 135 Jahren in Innsbruck am Anfang doch beträchtlich. Wie ist es den neuen Medizin-Unis mit der neuen Freiheit so ergangen? Wo gibt es Probleme? "Die Deutschen" zählen für die Führungsriege der Mediziner-Ausbildungsstätten auf jeden Fall nicht dazu. (Grafik)

Finanzielle Aspekte schon viel eher, und auch die viel gerühmte Autonomie klang etwas größer, als sie faktisch ist. "Uns wird die Hörerzahl diktiert, aber die Mittel sind nicht vorhanden. Ist das Autonomie?!", fragt Vizerektorin Margarethe Hochleitner von der Medizin-Uni Innsbruck. Sie spricht von "halbprivatisierten Unis", deren Herauslösung aus der heterogenen Interessenlage unter einem Uni-Dach mit anderen Fakultäten unzweifelhaft Vorteile gebracht habe, aber eben auch politisch verantwortete, finanzielle Mangelerscheinungen.

Anatomie der Zahlen

Die Kardiologin nennt ein Beispiel für die Gängelung: "Wir müssen 400 Studierende nehmen, aber wir dürfen nur 140 in den Anatomiesaal hineinlassen. Wir haben massive Probleme - und Kosten - mit den Auflagen für Arbeitnehmerschutz." Echte Privatisierung hätte erfordert, dass der Bund den Unis auf dem Weg in die Freiheit zum Beispiel so renovierte Gebäude mitgibt, die auch vom Arbeitsinspektorat nicht beanstandet werden. Als wichtigste Problemzone in Innsbruck nennt Hochleitner aber extrem aufreibende Konflikte mit der Spitals-Holding, "die eine mittelfristige Planung schwierig machen und uns in die Nähe der Arbeitsunfähigkeit bringen. Der klinische Mehraufwand muss endlich klar geregelt werden."

Auch der Wiener Med-Uni-Rektor Wolfgang Schütz hat fast chronische Schmerzen, die ihm das AKH verursacht. Er muss dort alle 1800 Ärztinnen und Ärzte bezahlen, überspitzt formuliert auch dann, wenn sie schlafen. Alleine für "Vorhalte-" und Nachtdienste, die mit dem Uni-Lehr- und Forschungsbetrieb überhaupt nichts zu tun haben, muss der Rektor 27 Millionen Euro, mehr als ein Zehntel seines Jahresbudgets, ausgeben: "Wir zahlen viele Routinetätigkeiten mit. Ein großer Teil unseres Uni-Budgets fließt in die ärztliche Versorgung der Stadt Wien", kritisiert Schütz.

"Unterfinanzierung"

Ansonsten resümiert er: "Eigenständigkeit und Selbstständigkeit haben sich sehr bewährt." Statt des "alten Gießkannenprinzips" profitiere die Uni jetzt über forschungsorientierte Profilbildung. 2006 sei es der Med-Uni Wien gelungen, 55 Millionen Euro an Drittmitteln für Forschung zu lukrieren (bei einem staatlichen Gesamtbudget von 230 Millionen). Als echtes Problem nennt Schütz die "Unterfinanzierung gesellschaftlich gewünschter Bereiche". Um den Abbau der Wartelisten zu schaffen, habe man das Pflegewissenschaftsstudium und eine Professur für genderspezifische Medizin zurückgestellt. "Da sind wir auf die öffentliche Hand angewiesen". Was in Wien aus Geldgründen gecancelt wurde, Pflegewissenschaft, soll in Graz mit der Fachhochschule forciert werden als Teil einer "möglichst starken Öffnung hinaus in die Gesellschaft", sagt Vizerektor Gilbert Reibnegger.

Er würde auf den Status einer eigenen Uni "nicht mehr verzichten". Das Forschungsprofil konnte gestärkt, die Lehre aufgewertet werden - und: "Durch die Begrenzung des Studentenandrangs konnte ein extrem prekäres Problem, nämlich dass wir Leuten im System Wartezeiten aufbrummen mussten, gelöst werden." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 15. März 2007)

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    grafik: der standard
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