Bartholomaios attestiert Ankara "guten Willen"

16. März 2007, 11:19
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Ökumenischer Patriarch befürwortet mit Nachdruck türkischen EU-Beitritt - Bundespräsident bei Essen in der Nuntiatur

Wien - Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat der türkischen Regierung und "den meisten politischen Parteien" des Landes "guten Willen" hinsichtlich einer angestrebten Verbesserung der Lage der nichtmuslimischen Minderheiten bescheinigt. "Wir sind zuversichtlich und geben die Hoffnung nicht auf, dass in nächster Zukunft Wege gefunden werden, um jene Probleme zu lösen, die unsere Existenz bedrohen", sagte das Oberhaupt der orthodoxen Christenheit am Mittwoch in Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer bei einem Essen in der Apostolischen Nuntiatur in Wien.

Bartholomaios I. verwies in seiner Tischrede auf die Religionsfreiheit als Kriterium für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union, den "wir nachdrücklich befürworten und auch erwarten". Der Patriarch dankte allen Regierungen, internationalen Organisationen und "Menschen guten Willens", die dem Ökumenischen Patriarchat beistünden, "damit wir in Freiheit weiterleben und weiterwirken können in jener Stadt, wo wir immer gewesen sind und wo uns der Herr und nicht ein Mensch eingesetzt hat". Der Phanar ist das letzte Relikt des 1453 mit der osmanischen Eroberung Konstantinopels untergegangenen Byzantinischen Reiches.

Bartholomaios unterstrich bei dem vom Apostolischen Nuntius, Erzbischof Edmond Farhat, gegebenen Empfang den "rein religiösen und spirituellen Charakter" des Ökumenischen Patriarchats, dessen Arbeit derzeit "nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird". Türkische Nationalisten werfen dem Patriarchen unter anderem vor, für den Phanar einen Vatikan-ähnlichen Status anzustreben.

"Wir danken auch für den Einsatz und den Beitrag Österreichs im Rahmen und außerhalb der Europäischen Union zur Sicherung von Menschenrechten, Minderheitenrechten, Religions- und Gewissensfreiheit, zur Bewältigung von Konflikten und zur Durchsetzung des Friedens, sowie zum interreligiösen Dialog", sagte der Patriarch. Außenministerin Ursula Plassnik hatte am Vortag nach einem Gespräch mit Bartholomaios I. betont, dass sich Österreich in der EU und in den Kontakten mit Ankara für die Religionsfreiheit und den Schutz der religiösen Minderheiten in der Türkei einsetzen werde. Bei der Erfüllung der politischen Kriterien für eine EU-Mitgliedschaft seien derzeit noch "große Defizite unübersehbar". Dazu gehöre insbesondere die Situation der religiösen Minderheiten, unterstrich Plassnik, die sich für ein "behutsames Heranführen der Türkei und ihrer Bevölkerung an europäische Werte und Standards" aussprach.

Die Freunde der Türkei müssten klar machen, dass Minderheiten "keine Bedrohung, keine Belastung, sondern eine Bereicherung sind", so Bartholomaios. Im Gespräch mit Kathpress sagte der Wiener Metropolit Michael Staikos, dass es dem Ökumenischen Patriarchat um vier Punkte gehe: Der fehlende Rechtsstatus der kirchlichen Strukturen in der Türkei, die fehlende Erlaubnis zur Eröffnung von Priesterseminaren und Theologischen Fakultäten, die fehlenden Eigentumsrechte für christliche geistliche Stiftungen, womit die andauernde Enteignungsgefahr gegeben sei, sowie die fehlende Anerkennung der universalkirchlichen Aufgaben des Ökumenischen Patriarchats.

Am Montag war der Patriarch mit dem Bundespräsidenten sowie mit Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und Vizekanzler Wilhelm Molterer zusammengetroffen. Am Dienstagabend empfing Bartholomaios im Stephansdom den Kardinal-König-Preis am dritten Todestag des Wiener Alterzbischofs.

Am Mittwochnachmittag besuchte Bartholomaios I. das SOS-Kinderdorf "Wienerwald" in der Hinterbrühl, das größte Europas. Dabei unterstrich er die Verbundenheit des Ökumenischen Patriarchats mit den Kindern und sozialen Waisen. Der Segen, der von den Kinderdörfern ausgehe, könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, "weil sie erkannt haben, dass Nächstenliebe im eigenen Haus beginnt, aber weit in die Welt hinausreicht". Der Patriarch würdigte insbesondere das Wirken von Kardinal König und SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner, beide "Vorbilder und Brückenbauer über Grenzen, Kontinente und Kulturen hinweg". (APA)

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    Patriach Bartholomaios I.wurde am Dienstag der "Kardinal-Koenig-Preis 2007" verliehen - überreiccht von Diözesanbischof Egon Kapellari.

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