Ein Raum muss nicht unbedingt innen sein. Auch das Außen will gestaltet sein - Von Christine Diethör
Wenn man von Raum oder Raumgestaltung spricht, so meint man damit meistens den Innenraum: Gebäude, Wohnungen, Zimmer. Selten trifft man heute jemanden, der auch den Außenraum - also den Raum zwischen den Gebäuden - als gebauten Raum auffasst. Leider trifft dies auch für viele Kolleginnen und Kollegen zu. Im so genannten modernen Städtebau wird das Bauen von Freiraum völlig vernachlässigt.
Dieser Mangel an Bewusstsein ist bereits in der Ausbildung anzutreffen. Es werden schöne Skulpturen erdacht und umgesetzt, die als Solitär überall stehen könnten. Leider wird dabei kaum Rücksicht auf die Umgebung genommen. Schon gar nicht wird daran gedacht, dass Fassaden und Baukörper einen Außenraum bilden, der ebenfalls mitgedacht werden muss.
Zur Klarstellung: Beim Außenraum handelt es sich nicht um gewachsene Natur, sondern um Räume, die beim Bauen von Stadt und Gebäuden entstehen. Da diese Freiräume den Bewegungsraum der Menschen darstellen, kommt ihnen in der Stadtplanung besondere Bedeutung zu. Seit den Fünfzigerjahren wird der Stadtplanung jedoch kaum mehr Bedeutung geschenkt - und die Freiräume verkommen zu undefinierten und gesichtslosen Restflächen. Eine ungebrochene Fortführung dieser Denkweise kann man leider auch an neueren städtebaulichen Projekten wie der Bebauung der ehemaligen Kabelwerk-Gründe sehen, zumal sie als Vorzeigeprojekt gehandelt wird. Doch was ist sie in Wirklichkeit? Für die Menschen bleibt sie doch nur ein Sammelsurium von Restflächen.
Die gewachsene Bebauungsstruktur aus der Zeit vor der Jahrhundertwende wird heute noch als Inbegriff der Stadt verstanden. Der Irrtum an der Sache: Man ist der Meinung, die stuckverzierten Fassaden seien für das positive Image verantwortlich - doch so etwas könne man heute nicht mehr bauen. In Wahrheit sind es die sorgfältig gebauten Stadträume, die den Aufenthalt in diesen Stadtbereichen für Menschen so angenehm machen: die zurückhaltende Gestaltung, die geschickt angelegten, großen und kleinen Plätze, die stimmigen Straßenbreiten.
Stattdessen haben wir in den "modernen" Stadterweiterungsgebieten elendslange Wohnriegel mit ein paar Restflächen, die dann als "Plätze" bezeichnet werden. Sie verleihen den Bewohnerinnen das Gefühl, das tausendste Hendl in der Legebatterie zu sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.3.2007)