Musikerin Lucinda Williams geht "West"

17. März 2007, 14:00
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1998 gelang ihr der weltweite Durchbruch, gefolgt von einer kreativen Lähmung: Mit neuem Album läutet die Country-Sängerin ihr Comeback ein

New York - Mit dem Album "Car Wheels On A Gravel Road" wurde Lucinda Williams 1998 weltweit bekannt. Sie erhielt dafür einen Grammy, die Fachblätter "Rolling Stone" und "Spin" kürten es zu einem der besten Alben der Neunziger. Nach diesem Erfolg kam die kreative Lähmung, die mit der nun erschienen Platte "West" (Universal) überwunden wurde.

Meilenweit von der "Gravel Road" entfernt

"Car Wheels" war für die 54-Jährige zweifellos ein Karrierehöhepunkt, zugleich aber auch eine Zwangsjacke. "Seit 'Car Wheels' kämpfe ich: Wohin gehe ich jetzt? Was mache ich?", sagte Williams im AP-Gespräch. "'Car Wheels' hat mich definiert, und alles, was ich seither gemacht habe, wird damit verglichen." Die aktuelle CD, das dritte Werk mit neuen Stücken seit dem großen Erfolg vor neun Jahren, könnte die Erlösung bringen. Produziert von Hal Willner, unterscheidet es sich klanglich deutlich, weist dichte Texte und eine experimentelle Songstruktur auf. Williams' herbe Stimme und die düsteren Themen klingen vertraut, dennoch ist das Album meilenweit von der "Schotterstraße" entfernt.

Inspiration Bob Dylan

Der Druck, der auf ihr lastete, lähmte Williams so stark, dass sie fast fünf Jahre gar nichts schrieb. Sie tourte und spielte dieselben alten Stücke wieder und wieder. Wie viele andere SongwriterInnen ließ sie sich von Bob Dylan inspirieren: in diesem Fall von seinem Comeback 1997 mit "Time Out Of Mind". Sie hatte das Gefühl, dass Dylan nach vorne schaute und sich nicht den Kopf darüber zerbrach, wie er seine alten Klassiker übertreffen könne, und dass er offenbar nicht der Meinung war, beim selben Stil bleiben zu müssen. "Ich hatte damals das Gefühl, dass ich etwas ähnliches durchmachte. Ich habe mir erlaubt, mein Songwriting etwas zu vereinfachen und nicht zu glauben, dass jeder Song 'Drunken Angel' oder 'Car Wheels' oder 'Lake Charles' sein müsse. Es hat lange gedauert, diese Songs zu schreiben. Ich musste üben, loszulassen."

Lähmung

Für eine Künstlerin mit dem Ruf, stets zwischen Perfektionismus und Lähmung zu schwanken - aus negativen Kritiken kann sie noch nach Jahren exakt zitieren - war das in der Tat ein schwieriges Unterfangen. Ihre Komposition "Lonely Girls" aus dem Jahr 2001, ein lakonisches Stück, aufgebaut um die Wiederholung des Titels herum, war ein entscheidender Moment. "Ich dachte: 'Kann ich das machen und es auf eine Platte nehmen? Was werden die Leute denken?'", sagt Williams. Das Lied habe dann tatsächlich gemischte Kritiken bekommen. "Es hat einige Zeit gedauert. Das passiert mit meinem Zeug. Zuerst sind sich die Leute nicht sicher."

Überwiegend langsam

Das könnte auch auf "West" zutreffen, ein gedämpftes Album mit überwiegend langsamen Stücken und nur zwei echten Rocknummern. Produzent Willner kommt mehr von der Avantgarde als vom Alternative Country, unter anderem arbeitete er bisher mit Lou Reed, Bill Frisell und Marianne Faithfull, und auch ein Charles-Mingus-Tribute-Album produzierte er. Willner fügte Williams' Liedern neue Akzente hinzu. Klänge von Streichern und einer Orgel umschwirren Williams' Gesang und Gitarre, dazu kommt Star-Drummer Jim Keltners apokalyptisches Schlagzeug. Das Rockstück "Come On", eine harte Abrechnung mit den sexuellen Unzulänglichkeiten eines Verflossenen, wurde von Kritikerinnen/Kritikern bereits sowohl als urkomisch als auch als kindisch bezeichnet.

"Ich bin jetzt ernster"

Der Ideenreichtum und das handfeste Gepräge des Albums werden erst nach mehrmaligem Hören deutlich. Einige der Songs wenden sich von traditionellen Strukturen ab: "Mama You Sweet" beginnt mit der viermaligen Wiederholung der Zeile "I Love You Mama You Sweet", beschreibt dann den psychischen Tribut von Schmerz und endet wieder mit derselben Zeile, vier Mal wiederholt. "Wrap My Head Around That" ist im wesentlichen ein neunminütiger Rap, zu dem so mancher Fan vielleicht keinen Zugang findet. "Ich war immer recht vielseitig", sagt Williams. "Ich bin jetzt nur ernster. Ich habe als Autorin mehr Selbstvertrauen. Ich habe keine Angst, in verschiedene Stile hinüberzuspringen."

Gespür für Worte

Inhaltlich wird das Album vom Tod ihrer Mutter 2004 beherrscht und dem Ende einer unglücklichen Beziehung. Die Frage im Opener "Are You Alright" könnte sowohl an die Mutter als auch an einen ehemaligen Geliebten gerichtet sein. Tatsächlich wendet sie sich damit aber an einen ihrer Brüder, der sich seit dem Tod der Mutter von der Familie entfremdet hat. Wenn die Sprache auf ihre Familie kommt, steht meistens ihr Vater, der Dichter Miller Williams, im Mittelpunkt. Von ihm hat sie wohl ihr Gespür für Wörter, die Liebe für die Musik vermittelte ihr aber die Piano spielende Mutter, eine Musikerin.

Der optimistische Titelsong "West", der das Album beschließt, spiegelt ihre Stimmung, seit sie von Nashville nach Los Angeles zog. Denn tatsächlich ist sie derzeit ziemlich glücklich. Nachdem sie alle Lieder für das Album geschrieben hatte, traf sie ihren heutigen Verlobten, Tom Overby, der in der Musikindustrie arbeitet. Er überzeugte sie davon, Willner als Produzenten zu wählen. Ihre bisherigen Produzenten waren in erster Linie selbst Musiker: Steve Earle und Charlie Sexton etwa. Mit dieser Konstellation fühlte sie sich wohl und lehnte deshalb vor einigen Jahren sogar ein Angebot von Starproduzent Rick Rubin ab.

Stimme und Gitarre

Willner ließ von den Aufnahmen, die Williams mit ihrer Band gemacht hatte, lediglich ihre Stimme und ihre Gitarre übrig, und davon ausgehend bauten beide die Lieder neu auf. "Ich hatte immer Angst davor, überproduziert zu werden", sagt die 54-Jährige. "Nachdem ich jetzt mit Hal Willner gearbeitet habe, ist der Unterschied beachtlich. Ich habe mir diese Platte angehört und gesagt: 'Warum haben wir das nicht längst gemacht?'" (APA/AP)

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    Der Druck, der auf Lucinda Williams seit ihrem Hit-Album lastete, lähmte sie so stark, dass sie fast fünf Jahre gar nichts schrieb. Jetzt hat sie zusammen mit Hal Willner, der Marianne Faithful oder auch Lou Reed produziert hat, ein neues Album herausgebracht - und es klingt vielversprechend.
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