Neigungsgruppe Wein

19. Juli 2007, 16:42
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Etwa ein Drittel aller Urlaubsgäste, die nach Niederösterreich kommen, sind "Kulturreisende", für die auch Wein und Kulinarik als Motiv eine Rolle spielen

Am Ausbau der Infrastruktur und der Gastronomie wird noch immer gearbeitet.

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"Bunt gemischt" seien die Gäste, die im Loisium Hotel in Langenlois absteigen. Auch wenn Wellness und Wein die regionalbezogenen Themen des Hotels sind, nennt Ulrike Lauter, Sprecherin des Hotels, zuerst Design, die Architektur von Steven Holl und Lifestyle generell als Anziehungspunkte. Mit der Auslastung von 55 Prozent im ersten Jahr, eröffnet wurde im Oktober 2005, sei man zufrieden, so Lauter.

Damit ist der Weintourist, wie er Niederösterreich bereist, bereits "typisiert": Kultururlauber, die kulturelle Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen besuchen, sich auch für Wein interessieren und auch Heurige und Weinfeste besuchen, machen etwas ein Drittel aller niederösterreichischen Urlaubsgäste aus, so Georg Bartmann, oberster Tourismus-Beamter im Amt der NÖ Landesregierung.

"Als "multioptional" bezeichnet Maria Gahleitner, Geschäftsführerin der "Niederösterreichischen Weinstraßen" diesen Gästetyp, der sich auch keinesfalls in Altersklassen einteilen lässt. Auch als schwerer Weinfan sucht er ein Gesamterlebnis. Daher habe man auch "Neigungsgruppen" geschaffen, in denen Wein mit Kulinarik oder Kultur kombiniert wird, so Gahleitner. Genaueres Zahlenmaterial zu diesem Segment des Tourismus ist dennoch nicht verfügbar. Angaben wie die 300.000 Besucher im niederösterreichischen Weinherbst 2006 werden aus Zahlen von Festen vergleichbarer Größenordnung hochgerechnet.

Erweiterte Nische

Aber die Nische der Weinreisen sei definitiv breiter geworden in den letzten Jahren, so Gahleitner. "Früher haben sich nur Spezialisten zu Weinreisen berufen gefühlt." Heute versucht man vonseiten der Tourismuswirtschaft, den Einstieg für Interessierte so einfach wie möglich zu gestalten, um Hemmschwellen abzubauen. Dazu dienen Großveranstaltungen wie der Kamptaler Weinfrühling, Tour de Vin im Kamptal zum ersten Maiwochenende oder auch Carnuntum Experience Ende August, die sich alle um offene Kellertüren, Verkostungen und Feste rund um regionale Kulinarik drehen. Die Carnuntum Experience beispielsweise wird ob des unerwartet großen Zuspruchs bei der Erstveranstaltung mit mehr Veranstaltungstagen im Jahr 2008 wiederholt.

In erster Linie kommen die Gäste aus dem Inland, führend dabei Oberösterreich und Wien, aber auch aus dem südbayerischen Raum oder immer öfter aus den angrenzenden Ländern Tschechien und der Slowakei. Tages- und Wochenendtourismus ist ein sehr starkes Segment. Die Höhe der Wertschöpfung durch Weintouristen ist nicht festzumachen und wird derzeit erstmals im Rahmen einer Diplomarbeit der FH Krems für Wirtschaftswissenschaften erhoben. Das Segment scheint jedenfalls ausbaufähig.

Kritisiert wird von verschiedenen Tourismus-Praktikern allerdings, dass die infrastrukturelle Entwicklung der Nachfrage nicht hinterherkomme. Das Problem wurde auch anlässlich der Pressekonferenz der Jahrgangspräsentation des neuen Weinviertel DAC Jahrgangs angesprochen, in dem die Idee vom "Weinviertel als gastro-önologischen Region" angerissen wurde. Trotz Hotel-Neueröffnungen wie jenem der Therme Laa, die ganz generell auch ein wichtiger Arbeitgeber in der Region ist, fehlt es derzeit vor allem an Unterbringungsmöglichkeiten in der gehobenen Klasse. Auch die gastronomische Infrastruktur hält trotz einiger viel versprechender Ansätze, nicht genügend Angebote für die Reisewilligen bereit.

Parallelentwicklung

Die Entwicklung wächst mit der Nachfrage", erklärt Gahleitner dazu. Auch wenn mehr Hotelzimmer im hochqualitativen Bereich erwünscht wären, "gibt es auch Nebensaisonen und die Winterzeit". Urlaub am Weinbauernhof habe aber sehr starke Wachstumsraten, ebenso Zimmer auf Winzerhöfen, die diesem gehobenen Bereich zuzuordnen sind. "Mit der Entwicklung werden auch die Betriebe mitwachsen, aber grundsätzlich muss zuerst die Nachfrage da sein."

Das Anfang September 2006 eröffnete "Weinquartier" in Retz ist eine jener Gastronomie-Einrichtungen, die zu dieser Infrastruktur gezählt werden darf. Die Nachfrage kam aus Winzerkreisen, welche die Weine aus der verstreuten Region an zentraler Stelle repräsentiert haben wollten. Viele Kunden kämen heute aus Wien, erklärt Geschäftsführer Ewald Gruber, der selbst Winzer in Röschitz im Weinviertel ist, der Anteil der Bayern sei steigend. Von Besuchern aus Tschechien und der Slowakei profitierte vor allem der Gastronomiebereich des "Weinquartiers".

Massentourismus in Bussen ist dabei nicht das, was man sich für das Land vorstelle, stellt Gahleitner aber fest. Denn die Wechselwirkung in Image und Wahrnehmung seien nicht zu unterschätzen: "Man kann keinen Massentourismus in Bussen machen und gleichzeitig glauben, dass der Wein als exklusiv wahrgenommen wird." (Luzia Schrampf, DER STANDARD - Printausgabe, 14. März 2007)

  • Das Weinquartier in Retz versucht, mit moderner Architektur und einem sehr "urbanen" Angebot an Wein und Speisen Gäste anzuziehen.
    foto: weinquartier/fidesser

    Das Weinquartier in Retz versucht, mit moderner Architektur und einem sehr "urbanen" Angebot an Wein und Speisen Gäste anzuziehen.

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