Gestrandet in Wien

15. März 2007, 19:04
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Anfangs fand K. das Schicksal des Italieners herzergreifend – aber irgendwann riss ihm dann doch die Geduld

Es war gestern. Da meldete sich K. Per Mail. Weil ihm die Stadtgeschichte über den Jackenschmäh (vom 5. Jänner dieses Jahres) nämlich so bekannt vorgekommen war: Nicht in Wien, sondern in Paris, schreibt K., sei ihm beinahe exakt die selbe Masche präsentiert worden. Und zwar auch mit der "ich bin hier gestrandet und will eigentlich heim nach Italien und muss deshalb wegen dem bösen Zoll teure Jacken verschenken – aber könnten sie mir ein paar hundert Euro borgen?"-Masche.

Und das, meint K., habe bei ihm die Erinnerungen an einen anderen "Italiener" reaktiviert. Der habe in Wien an einer Straßenecke gestanden – und um Hilfe gebeten. Wochenlang. Weil er doch so dringen heim wolle. Immer wieder. Er selbst, schreibt K., habe das ja einigermaßen amüsant gefunden. Weil so ein Bettler zwar die Gutmütigkeit seiner Umwelt ausnutze, aber den gemeinen Wohlstandsbürger ja nicht wirklich schädige. Aber dann, so K., habe der "Italiener" sich bei den falschen bedient – und da sei ihm der Geduldsfaden gerissen. Aber das soll K. selbst erzählen.

K.s Mail

Da lehnt er an der Wand, am Anfang der Kärntnerstraße, rechts vom "Sir Anthony". Ein kleiner, ordentlich gekleideter südländischer Typ. Vor sich hat er ein abgewetztes, schwarzes board-case mit Rollen. Er stützt sich mit einer Hand auf: Ein "Häuflein Unglücks".

Am Vorderteil des Gepäckstücks ist eine Tafel befestigt, auf der mit ungelenker Schrift in Blockbuchstaben steht: BIN ITALIENER, GELD UND PAPIERE GESTOHLEN, HILFE ! Es ist kalt und ich bin in Eile. Trotzdem nehme ich mir die Zeit und spreche ihn in seiner Muttersprache an.

Amtliches Papier

Er müsste zurück und weiß nicht, wie er es schaffen soll. Der Mann tut mir leid. So etwas kann einem Touristen schon passieren. Wenn er nur halbwegs schlau ist, setzt er sich mit seiner Botschaft in Verbindung. Er schwenkt ein amtlich aussehendes Papier, dass wohl eine Verlustanzeige darstellen soll. Da ich einen Termin wahrnehmen muss und ich mich nicht länger seiner annehmen kann, drücke ich ihm einen fünf Euroschein in die Hand und wünsche ihm viel Glück.

Am nächsten Morgen führt mich mein Weg durch die Opernpassage. Wer lehnt dort an einer Säule, frisch rasiert, scheinbar ausgeschlafen, aber mit trauriger Miene und mit dem Trolley, von dem das Plakat mit dem Hilferuf herab hängt ? "Mein" Italiener. Wieder spreche ich ihn an. Er sagt: "Ich habe Hunger". Ich nötige ihn in die Ankerfiliale. Dort lasse ich ihn sein "Frühstück" auswählen, was er widerwillig tut. Dann gehe ich weiter und treffe mich mit meinem Freund P.

Noch immer da

Später, auf der Höhe der Malteserkirche, treffen P. und ich dann erneut auf den "Italiener". Jetzt mache ich mich vor P. wichtig. Wir haben Zeit und ich versuche herauszufinden, warum unser Mann noch immer nicht auf der Heimreise ist. Er käme aus Sizilien, könnte seinen reichen Onkel nicht erreichen, der ihm Geld schicken würde und die Botschaft hilft nicht, er habe keine Papiere für die Rückfahrt und alles wäre so kompliziert. Hat der Mann noch nichts von Schengen gehört ? Warum setzt er sich nicht in einen Zug und fährt einfach los? Die Polizei würde ihm doch auch weiter helfen. Mir wurde erst da klar, dass es sich hier um Abzocke handelt. Trotzdem bleibe ich ruhig.

Zornig werde ich erst eine Woche später, als ich wieder durch die Opernpassage gehe. Vor dem Abgang zur U1, vor den Fahrkartenautomaten feiern einige Obdachlose. Bierdosen und Weinflaschen werden herumgereicht - und mitten unter den Sandlern steht der Mann mit seinem Trolley und feiert mit.

Ehrenkodex

Mir dreht sich der Magen um. Das Arschloch hat die Frechheit, sich auf Kosten der ärmsten der Armen zu bereichern und ihnen den "Stoff" wegzusaufen. Ich gehe nach Hinten, dort wo sich die Aufzüge befinden. Da stehen noch ein paar Typen herum. An einen, der für mich die größte Autorität ausstrahlt wende ich mich: "Oida, do vurn steht a Katzelmocher, der eich gaunz scheh verorscht". Und dann bekommt er die ganze Geschichte vom "armen, bestohlenen Touristen" erzählt. Die Burschen haben einen rigiden Ehrenkodex - darauf konnte ich mich verlassen: Den "Italiener" habe ich seither nie wieder gesehen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 14.03.2007)

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