Die Angst vor dem Absturz

11. April 2007, 18:01
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Ein kräftiger Kursrutsch an der Wallstreet zog weltweit die Börsen in die Tiefe - Grund sind Probleme am US-Immobilienmarkt

New York - In New Yorker Maklerkreisen wurde noch vor Kurzem gern die Geschichte eines Geschäftsmanns erzählt, der morgens ein Luxusapartment für 9,5 Millionen US-Dollar (7,2 Millionen Euro) kaufte – und es nachmittags für 11,5 Millionen verkaufte. Zwei Millionen Gewinn in acht Stunden – selbst für den Big Apple ist das rekordverdächtig.

Immobilien waren in den USA zuletzt das lukrativste Geschäft überhaupt. Während der Aktienmarkt vor sich hin dümpelte, heizten die historisch niedrigen Zinsen die Nachfrage nach Häusern an. Die US-Häuserpreise sind zwischen 2000 und 2005 um 32 Prozent gestiegen, in Metropolen wie New York, San Diego oder Los Angeles haben sie sich sogar verdoppelt. Doch nun hat sich das Blatt gewendet. Private Immobilien werden zu Ladenhütern. Landesweit schnellten die Leerstandsraten im Jänner auf den höchsten Stand seit 13 Jahren. 536.000 neue Eigenheime blieben unverkauft, obwohl so wenig neu gebaut wurde wie lange nicht. Preissenkungen um bis zu 25 Prozent sind keine Seltenheit.

Die Entwicklung droht die gesamte Konjunktur nach unten zu reißen. Die Bauindustrie hat zuletzt ein ganzes Prozent zum jährlichen Wirtschaftswachstum der USA beigetragen. Und 30 Prozent zu allen neu geschaffenen Arbeitsplätzen. Etliche Volkswirte sind unter die Schwarzmaler gegangen. Selbst der mächtige Ex-Notenbankchef Alan Greenspan erwartet noch vor Jahresende eine Rezession. Die fallenden Häuserpreise treffen vor allem die so wichtige Konsumbereitschaft der Amerikaner.

Viele stockten angesichts der hohen Vermögenswerte ihrer Immobilien ihre Hypotheken auf und gingen auf Shoppingtour. Der Maklerverband National Association of Realtors schätzt, dass ein Viertel aller US-Hauskäufer Investoren waren. Und zehn Prozent Spekulanten, die bloß auf den schnellen Wiederverkauf setzen.

Schon jetzt zahlen viele drauf, weil sie mehr schulden, als ihre Immobilie wert ist. Auch bei Dank Patak wird’s eng. Der 32-jährige Broadway-Musiker hatte seinen Job während des Booms an den Nagel gehängt und war unter die Makler gegangen. Mit seinen Kommissionen zahlte er eine Zweitwohnung an – die er nie wieder losgeworden ist. "Letzte Woche ist die Bank zur Zwangsvollstreckung übergegangen, weil ich meine Raten nicht zahlen konnte", seufzt er, "das belastet meine Kreditwürdigkeit: Ich werde wahrscheinlich in den nächsten sieben Jahren nirgends mehr ein Darlehen bekommen!"

Patak ist kein Einzelfall. 1,5 Millionen der insgesamt 80 Millionen US-Hausbesitzer haben in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Ratenzahlung verpasst. "Jedem Fünften wird die Puste komplett ausgehen", warnt der Wirtschaftsprofessor Ken Rosen.

Der US-Kreditwirtschaft drohen Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe. Manche stehen schon vor dem Aus. Paradebeispiel: New Century. Das Unternehmen hatte sich auf so genannte „subprime mortgages“ spezialisiert – Darlehen, die an Kreditnehmer mit schlechter Bonität ausgegeben werden (siehe Grafik). Jetzt steigen die Ausfallraten so rapide, dass der Bankrott nur noch eine Frage der Zeit scheint. Experten meinen, das sei erst die Spitze des Eisbergs, denn viele US-Banken gewährten während des Booms bereitwillig Kredite – ohne Eigenkapital. (Beatrice Uerlings, New York, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.03.2007)

-> Zu den Marktberichten im Detail

  • Wie eine
Seifenblase
droht der
Immobilienboom
in
den USA zu
platzen.
    foto: standard/matthias cremer/montage: beigelbeck

    Wie eine Seifenblase droht der Immobilienboom in den USA zu platzen.

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