Die Technikforscherin

14. März 2007, 12:33
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Im Feld des technischen Konstruierens dekonstruiert Quereinsteigerin Tanja Paulitz eine Männerdomäne

Germanistik, Slawistik und Erziehungswissenschaft, daneben noch Philosophie, Soziologie und zum Abschluss das Lehramt für Deutsch und Russisch. Nicht gerade der direkte Weg in die Gefilde der Technik. Als Quereinsteigerin spielte für Tanja Paulitz, die zurzeit über ein Lise-Meitner-Stipendium am IFZ Graz forscht, wie so oft bei etwas verschlungenen Berufsbiografien wohl auch der Zufall eine Wegweiserrolle: In den Schulbetrieb wollte sie nicht, und so bewarb sie sich - erfolgreich - bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit.

"Dort war ich dann EDV-Koordinatorin, was meinen Interessen sehr entgegenkam - ich hab' ja schon während des Studiums meine eigenen Programme entwickelt und nebenbei für das Frauensoftwarehaus in Frankfurt den ersten Frauen-E-Mail-Server mitbetrieben." In ihrem neuen Job wurde sie erstmals mit Fragen der Technikentwicklung konfrontiert - und auch mit den Herausforderungen, die in einer Organisation damit verbunden sind.

Der Wunsch, tiefer in dieses Thema einzudringen, führte sie zurück an die Universität. Am gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereich der Universität Kassel promovierte sie mit einer Arbeit über Technikentwicklung im Bereich Netzwerkbildung und virtuelle Kooperation. Ihre Untersuchungen zeigen, dass sich die Vorgehensweisen bei der Herstellung von Technik zurzeit in einem Umbruch befinden: "Es kommt zu flexibleren Formen der Technikproduktion etwa durch vernetzte Formen der Softwareentwicklung." Dabei wird auch sichtbar, wie implizit Vergeschlechtlichungen in diesem Bereich funktionieren.

Geschlechterdiskurs über die Frauen

"Dass Männer beispielsweise nicht kompetent sein könnten, diese Technologie zu beherrschen und zu bedienen, ist praktisch kein Thema. Auch wenn die konkreten Erfahrungen zuweilen dagegen sprechen. Der Geschlechterdiskurs zur Technik läuft ausschließlich über die Frauen: Brauchen sie Unterstützung? Haben sie Defizite beim Zugang?"

In ihrer Habilitation an der TU Berlin, wo Tanja Paulitz seit 2004 als wissenschaftliche Assistentin forscht und lehrt, hat sie ihren gender-kritischen Blick von der Informatik auf die klassischen Männerdomänen der Ingenieurwissenschaften ausgedehnt. "Dabei gilt es", sagt sie, "das Feld des technischen Konstruierens als Wissensfeld zu begreifen, das stark mit gesellschaftlichen Machtkämpfen zusammenhängt." Ihre Erkenntnisse nutzt die 40-jährige Wissenschafterin nahe liegender Weise auch in der universitären Praxis, indem sie Strategien zur Stärkung der Gender-Perspektive in Forschung und Lehre entwickelt.

Und wie geht es weiter, wenn das Forschungsjahr in Österreich abgelaufen ist? "Dann kann ich noch vier Jahre an der TU Berlin bleiben, anschließend werde ich mich auf Wanderschaft begeben", lacht sie. Für Tanja Paulitz offenbar kein Grund zur Sorge - und zudem eine klare Sache. Denn in Deutschland gilt schon lange das Hausberufungsverbot, das eine Professur an der eigenen Universität auschließt.

An Graz schätzt die Berliner Wissenschafterin die optimalen Forschungsbedingungen, die hohe Lebensqualität und das vielfältige Kulturangebot. Was ihr - abgesehen von Familie und Freundeskreis - fehlt, ist ihr Garten. "Gärtnern ist ein wunderbares Gegengewicht zur Schreibtischarbeit - sie macht den Kopf frei und schafft damit Raum für neue Ideen." (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe 14.03.2007)

  • Nimmt die Ingenieurberufe kritisch unter die Lupe: 
Tanja Paulitz.
    foto: der standard
    Nimmt die Ingenieurberufe kritisch unter die Lupe: Tanja Paulitz.
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