"The Last King of Scotland": "Kein stereotypes Abbild"

13. März 2007, 19:12
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Oscar-Preisträger Forest Whitaker im STANDARD-Interview

STANDARD: Wie weit haben Sie sich bei der Rollenvorbereitung auf Idi Amin eingelassen?

Whitaker: Ich habe mich 24 Stunden am Tag mit ihm beschäftigt, er hat mich bis in die Träume verfolgt. Nur so bekommt man eine Ahnung, wie er gedacht haben könnte.

STANDARD: Wie wird Amin heute in Uganda gesehen?

Whitaker: Ich sprach mit seinen Brüdern und Schwestern. Ich redete mit seinen Freundinnen, Ministern und Generälen. Aber ich unterhielt mich auch täglich mit den Leuten auf der Straße über Amin. In Uganda wird er anders gesehen als bei uns im Westen. Die Mehrheit spricht zwar von seinen Horrortaten, zugleich rühmt man seine Verdienste um die Infrastruktur, die Kunst und dafür, dass er den Weg für eine einheimische Mittelschicht freimachte, indem er die ausländischen Profiteure aus dem Land geworfen hat. Ich fand das für meine Vorbereitung sehr wichtig. Wenn man eine Figur wie Amin spielen will, muss man verstehen, wie man in Afrika lebt, denkt und fühlt.

STANDARD: Welche Vorstellungen hatten Sie vorher von Idi Amin?

Whitaker: Für mich war er ein großer, zorniger Irrer. Erst nachdem ich den Roman gelesen und selbst recherchiert hatte, sah ich ihn in einem anderen Licht. Ältere Aufnahmen zeigen ihn als einen Mann, der auch äußerst charmant war. Als Schauspieler bestand die Herausforderung darin, einen facettenreichen Charakter darzustellen, nicht nur ein stereotypes Abbild.

STANDARD: Haben Sie damals geahnt, wie bedeutend diese Rolle für Sie werden würden?

Whitaker: Ich war ziemlich optimistisch, dass dies ein starkes Projekt werden könnte, denn Peter Morgans Drehbuch war einfach außerordentlich gut. Nicht selten bekommt man als Schauspieler Stoffe, aus denen man erst noch etwas entwickeln muss, damit sie funktionieren. Der umgekehrte Fall passiert viel seltener: Bird von Clint Eastwood, Ghost Dog von Jim Jarmusch oder dieser Film waren grandios geschrieben, solchen Stoffen kann man als Schauspieler blind vertrauen. Dass es derart gute Kritiken geben würde, hat allerdings keiner erwartet.

STANDARD: Der Regisseur soll Sie ursprünglich gar nicht gewollt haben?

Whitaker: Kevin Macdonald konnte sich zunächst tatsächlich nicht vorstellen, dass ich die Rolle spiele. Zum Glück waren die beiden Produzenten viel mehr von mir angetan. Sie hatten mir vor fünf Jahren schon einmal diesen Part angeboten, das Projekt wurde damals jedoch nicht realisiert. Jetzt riefen sie mich wieder an, aber diesmal musste ich erst den neuen Regisseur mit dem üblichen Vorsprechen von mir überzeugen.

STANDARD: Wie haben Sie diesen Amin inzwischen verdaut?

Whitaker: Der beste Weg, um eine Rolle zu vergessen, ist möglichst schnell eine ganz andere Figur zu spielen. Ich habe gleich anschließend einen Philosophie-Professor gespielt – das war ein perfekter Kontrast für mich. (Dieter Oßwald/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.03.2007)

Zur Person:
Forest Whitaker, 1961 in Longview, Texas, geboren, erhielt heuer für seine Performance in "The Last King of Scotland" den Oscar als bester Hauptdarsteller. Bekannt wurde er durch Auftritte in "Platoon" und "Bird".
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    Whitaker: "Amin hat mich bis in meine Träume verfolgt."

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