"The Last King of Scotland": Ein Königsdrama für Albtraumtänzer

19. März 2007, 12:42
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"The Last King of Scotland": ein Politthril­ler aus den finsteren Jahren der Diktatur in Uganda und eine Parabel über die Macht + Inter­view mit Oscar-Preisträger Forest Whitaker

Der Film erzählt weniger vom Wahnsinn eines Einzelnen als über das Zusammenspiel falscher Weltwahrnehmungen.


Wien – Angesichts der viel strapazierten globalen Unübersichtlichkeit und angesichts diverser prekärer westlicher Versuche, anderswo für "Ordnung" zu sorgen, scheint man auch im Genre des Politthrillers nicht mehr an rechtschaffene Didaktik zu glauben. Die Zeiten, in denen engagierte Journalisten und Aufklärer in verkommenen Systemen die guten Menschen gaben (wie man es in den 70er- und 80er-Jahren in Filmen wie Salvador oder Under Fire praktizierte) – diese Zeiten und das mit ihnen verbundene (Anti-) Heldentum scheinen vorerst ad acta gelegt.

Verstärkt orientiert man sich wieder an den ambivalenten Spielern, Schiebern und Agenten, wie sie seit Zeiten des kalten Krieges durch die Romane eines John Le Carré tänzeln und stürzen. Im Fall von Kevin Macdonalds The Last King of Scotland könnte man sogar noch weiter zurückgehen und Shakespeare oder Joseph Conrads Reise ins Herz der Finsternis herbeizitieren:

Auch hier macht sich ein reichlich ichbezogener Europäer (James McAvoy als junger schottischer Arzt) auf einen Weg ins bedrohlich Unbekannte (das im teils hysterischen Umbruch befindliche Uganda der frühen70er-Jahre). Auch hier wird sich der vermeintlich Zivilisierte der eigenen Triebe und Untiefen bewusst, so, als bilde das "fremde" Getöse, die Wildnis rund um ihn seine eigenen inneren Tumulte ab. Und: Auch hier trifft er auf einen mächtigen Diktator (bei Conrad war’s der Handelsagent Kurtz, hier ist’s Forest Whitaker als Idi Amin), der rund um sich ein erratisches, willkürliches System irrationaler Abhängigkeiten aufgebaut hat.

Wie in jedem (Königs-)Drama und wie vermutlich auch in jedem über einen längeren Zeitraum funktionierenden Machtapparat hat der Wahnsinn aus nächster (oft: bevorzugter) Nähe Methode. Mehr noch: Er gibt sich verführerisch kumpan und großzügig zugleich, im Dienste eines nachvollziehbaren Ziels.

Die hohe Kunst vor allem des Drehbuchs von Peter Morgan (zuletzt: The Queen) besteht nun darin, dass es den Betrachter aus einem westlichen Überdruss heraus pronto in einen Zusammenhang entführt, in dem der junge Arzt tatsächlich noch etwas "bewirkt" – egal, ob er die tatsächlichen Folgewirkungen abschätzen kann oder nicht (er kann es definitiv nicht).

Das heißt: zuerst in einem kleinen Provinzhospital Basisversorgung leisten. Das heißt weiters: ohne obligate bürokratische Zwischenstationen engster Berater und Freund, also auch "Sohn" des Landesvaters werden. Es heißt letztlich: den eigenen Handlungsspielraum falsch einzuschätzen. Es geht – noch ein Vergleich – dem naiven Tor, der da "Karriere" ohne Leiter macht, so wie einem lebensfrohen Pizzabäcker, dem Marlon Brando als "Godfather" ein Angebot gemacht hat, das man nicht ausschlagen kann.

Auch in The Last King of Scotland geht es eher darum, auszuloten, was den Verführten so anfechtbar gemacht hat. Wie grausam Amins Regime wirklich war und ob es sich eher auf alte Stammesregeln und Rituale begründete oder auf einen ganz individuellen Wahnwitz – das lässt der Film offen. Forest Whitaker ist ein wahrer Meister darin, behände zwischen den Klischees vom "impulsiven", "naiven", "seelenvollen", "rhythmusbegabten", "unberechenbaren" schwarzen Mann derart zu switchen, dass ununterscheidbar wird, ob er seine momentanen Stimmungen und manischen Anfälle selbst glaubt. Oder ob er nicht längst selbst den Bildern, die man sich von ihm macht, wie im Voodoozauber verfallen ist.

Zentral sind, abseits der zunehmend brutalen Szenen, vielleicht zwei kurze Momente. Am Anfang: Der junge Schotte in seinem Elternhaus, der mit geschlossenen Augen einen Globus dreht, eine Reisedestination auswählt, quasi blindwütig die Welt erobern will. Dagegen muss er sich später Idi Amins Vorwurf gefallen lassen: Er sei nur nach Afrika gekommen, um sich selbst zu verwirklichen.

Es ist schwer vorstellbar, dass so ein Film vor wenigen Jahren bereits gemacht hätte werden können. Interessant, dass es gerade heute wieder möglich wird, jenseits von Gut und Böse von der Welt als Wille, Vorstellung und Krankheit zu erzählen. (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.03.2007)

STANDARD-Interview mit Oscar-Preisträger Forest Whitaker
"Kein stereotypes Abbild"
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    "The Last King of Scotland" und sein Hofstaat: Forest Whitaker (M.) als Idi Amin, der in einem jungen schottischen Arzt (James McAvoy, li.) einen neuen besten Freund gefunden hat.

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