Reportage: "Nimm’s locker, Mann"

4. April 2007, 11:42
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Besuch bei der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, die in Fort Stewart, Georgia, für den Irak-Einsatz trainiert

Während die US-Regierung bereits an einem Ausstiegszenario aus dem Irak für den Notfall arbeitet, bereitet sich in Fort Stewart, Georgia, die nächste Soldatenbrigade für den Kriegseinsatz vor. Frank Herrmann hat sie besucht.

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Sie waren zu hektisch, zu naiv, nun müssen sie bitteres Lehrgeld zahlen. Zwei Männer liegen leblos im Sand, drei andere krümmen sich vor Schmerzen, eine grauschwarze Rauchwolke vernebelt die Kolonne wüstenfarbener Humvees.

Zu allem entschlossen, war ein Attentäter mit seinem Jeep durch den Checkpoint gerast, gerade als die Soldaten zum Marktplatz rannten, weil dort eine Granate einschlug. Aufgescheucht wie ein Hühnerhaufen, konnte der Trupp den Kamikaze-Fahrer nicht stoppen. „Schwache Leistung“, tadelt Curtis Roberts, der beobachtende Major.

Besser läuft es da schon beim Wortduell mit Marzuq Nuri al-Hadija, dem Bürgermeister der Kleinstadt Madinat Jabal, einem stattlichen Herrn, der zum Zeichen seiner Würde einen Umhang mit goldfarbener Borte trägt. „Werden Sie das Krankenhaus bauen?“, will al-Hadija wissen. „Inschallah, wir werden sehen“, antwortet ein Offizier mit schnittiger Sonnenbrille. „Ja oder nein, bauen Sie es?“, „Inschallah, Inschallah.“ Nichts versprechen, nichts verwehren, das alles in einem Ton, der um Himmels willen nicht von oben herab kommen darf. „Gut, sehr gut“, lobt der Iraker, im wahren Leben ein Kurde aus Erbil.

Üben mit Potemkin

Alles nur Spiel. Weder ist Marzuq Nuri al-Hadija Bürgermeister, noch ist Madinat Jabal eine real existierende Stadt. Vielmehr ist sie ein Potemkin’sches Dorf. Ein paar Holzbuden, eine Moschee, ein Zeitungskiosk, der zwar nichts Arabisches führt, dafür Märchenbücher wie „Professor Puffendorfs Zaubertrank“. In Fort Stewart, einer Garnison im Bundesstaat Georgia, trainiert die 2. Brigade der 3. Infanterie-Division für den Einsatz im Zweistromland. Früher hätte man sie für den letzten Schliff nach Kalifornien geflogen, in die Wüste Mojave, wo es schon eher aussieht wie in Mesopotamien. Diesmal bleibt keine Zeit.

Ursprünglich sollte die Einheit erst im Sommer verlegt werden, doch im Jänner kündigte George W. Bush eine Truppenaufstockung an. In der Praxis bedeutet das keine zusätzlichen Soldaten, sondern nur, dass die Pausen zwischen den Einsätzen kürzer werden. Nun muss die 2. Brigade schon im März abmarschieren, zum dritten Mal seit Kriegsbeginn.

Wie schnell improvisiert wurde, sieht man den Baracken von Madinat Jabal auf den ersten Blick an. An der Moschee schimmert noch ein Kreuz unter der Farbe hervor. Früher war das hier Bosnien. Neben dem Halbmond an der umgewandelten Kirche ist vor allem eines neu, nämlich die Stimmung im Land. Zwei Drittel der Amerikaner glauben nicht mehr an eine Wende im Irak, fordern den Rückzug, entweder sofort oder auf Raten.

„Colonel Ferrell, wie ist es, in einen so unpopulären Krieg ziehen zu müssen?“ „Wir sind Soldaten. Das ist unser Auftrag. Das ist unser Job.“ Die Antwort des Brigadechefs kommt wie aus der Pistole. Falls er Zweifel hat, behält sie Terry Ferrell für sich. Einstudiert klingt auch, was Eric Bitzko sagt, ein Gefreiter, der lässig auf einem Betonquader hockt und Kaugummi kaut. Er ist 19, kommt aus Kalifornien, aus einer stolzen Familie, die ihre Söhne seit Generationen zur Army schickt. Er spricht von Pflicht, Patriotismus, Spaß an der Army. „Nimm’s locker, Mann“, ruft er. „Ich komm schon zurück.“

Weltuntergang

„Unsere Armee macht einen hervorragenden Job“, sagt Douglas Harn pflichtgemäß, bevor er ins Zynische wechselt. Der Pastor der Victory Church, der sich draußen auf eine Harley-Davidson schwingen wird, glaubt an Armageddon, den Weltuntergang. Der Irak ist für ihn nur der Beginn, nur ein Kapitel im Endkampf mit dem Islam. „Frieden? Es kann keinen Frieden geben.“ So unverblümt will er es seinen Schäfchen in der Sonntagspredigt nicht sagen, „ich kann ihnen ja nicht die Hoffnung nehmen“. In der Armee war Harn nie.

Alan Baroody weiß haargenau, was passiert, wenn die Männer zurückkehren, aus dem Hexenkessel Bagdads nach Hinesville, das sie trotz seiner Südstaatenidylle als Kriegszone empfinden. Sein Motorrad lässt er dann lieber in der Garage. „Im Irak fahren die Jungs so, dass nichts sie aufhalten kann. Das legen sie zu Hause schwer ab.“

Mittlerweile sind es über hundert Soldaten, die sich in Baroodys Fraser Center behandeln lassen, an PTSD, posttraumatischem Stress. Da ist der Patient, den nachts Albträume plagen, weil sein bester Kumpel im Jeep verbrannte, während er es schaffte, nach draußen zu springen. Da ist der Vater, der seinen vierjährigen Sohn wegstößt, wenn der Filius freudestrahlend Daddys Beine umklammert – er empfindet das Klammern als Bedrohung. Da ist der Heimkehrer, der am Computer Schießspiele spielt, statt sich um seine Familie zu kümmern. Nach Baroodys Schätzung kommt fast ein Viertel der Männer mit mentalen Problemen zurück.

Die Therapie, die Rebecka Lynn Ponton anwendet, ist eher drakonischer Art. Sie schaltet den Fernseher aus, sobald Nachrichten aus dem Irak laufen. Und falls sie es vergisst, kann sie sich auf Zachary verlassen, ihren neunjährigen Sohn. „Mama, schalt um“, wird Zachary rufen. Andy, ihr zweiter Ehemann, ist seit Januar bei der Feldartillerie in Ramadi, einer Hochburg aufständischer Sunniten. Die Proteste im Land interessieren sie nicht, sagt Rebecka. „Mich interessiert nur, dass er heil wiederkommt.“ (Frank Herrmann, DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2007)

  • „Warriors’ Walk“ – der „Pfad der Krieger“ in Fort Stewart, Georgia: Für jeden gefallenen Soldaten der 3. Infanterie-Division hat man einen Baum gepflanzt. Zurzeit sind es 319.
    foto: frank herrmann

    „Warriors’ Walk“ – der „Pfad der Krieger“ in Fort Stewart, Georgia: Für jeden gefallenen Soldaten der 3. Infanterie-Division hat man einen Baum gepflanzt. Zurzeit sind es 319.

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