Persönlicher Kontakt ist unersetzbar

13. März 2007, 19:23
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Die Prognosen über die Ausbreitung der Telearbeit sind nicht eingetreten. Aber die Grenzen zwischen Arbeiten und Wohnen verschwinden zusehens

Lange, bevor sich der Begriff "Teleworking" ausgebreitet hat, haben Menschen bereits im eigenen Heim gearbeitet. Im Jahr 1914 betrieben viele Wiener ein Geschäftslokal im Erdgeschoß und wohnten darüber in einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung, wo sie auch arbeiteten oder Waren lagerten, berichtete Theodor Österreicher, Verbandsdirektor der Österreichischen Gemeinnützigen Bauvereinigungen (GBV), dem Wohnsymposium.

Selbst 1954, als das letzte Preisregelungsgesetz vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurde, seien viele Wohnungen noch für Arbeitszwecke verwendet worden. "Danach wollte man möglichst rasch viel Wohnraum schaffen, und in Klein- und Mittelwohnungen war kein Platz zum Arbeiten. In der Wohnbauförderung ist deshalb nie vom Arbeitsraum in der Wohnung die Rede", betonte Österreicher. Auch sonst werde das Thema Arbeiten zu Hause in keinem Gesetz berücksichtigt, kritisierte Österreicher.

Darauf verwies auch der Steuerberater Josef Wurditsch, Geschäftsführer der Consultatio. Nicht nur, dass Heimarbeiter durch die restriktive steuerliche Absetzmöglichkeit von Arbeitsräumen benachteiligt seien. Unterschiedliche Regelungen für echte Selbstständige, freie Dienstnehmer und andere Formen atypisch Beschäftigter stelle die Betroffenen oft vor kaum lösbare Probleme. "Neben den neuen Wohnraumideen müssen wir auch die abgabenrechtlichen Dinge ins Lot bringen", forderte Wurditsch.

Doch wie viele Bürger sind wirklich davon betroffen? Frühere Prognosen, wonach bis zu einem Viertel der Arbeitnehmer Teleworker werden würden, seien nicht eingetroffen, sagte Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice. Die letzten Zahlen aus 2002 setzen den Anteil bei maximal vier Prozent an. Kopf: "Wir haben uns geirrt, und wir werden uns wieder irren. Denn der persönliche Kontakt kann nicht ersetzt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man Teamgeist übers Telefon aufbauen kann." Deshalb sind auch Versuche, Telearbeitszentren in strukturschwachen Regionen wie dem Waldviertel oder dem Südburgenland aufzubauen, zum Großteil gescheitert.

Videokonferenzen

Zwar werden Videokonferenzen dank neuer Technologien immer lebensechter und angesichts wachsender Internationalisierung von Konzernen auch immer häufiger eingesetzt. Aber all dies "ist ein Versuch, etwas zu ersetzen, was nicht ersetzt werden kann", betonte Kopf. Diese Erfahrung hat auch Bawag-Generaldirektor Ewald Nowotny gemacht, seit der US-Fonds Cerberus die Bank gekauft hat. "Mit dem neuen Eigentümer bin ich zum Teleworker geworden und muss nun einen Raum für Videokonferenzen in der Bank einrichten", erzählte er. "Aber das ersetzt nicht das persönliche Zusammentreffen" – auch weil die Cerberus-Chefs den Charme von Wien-Besuchen entdeckt hätten.

Auch Nowotny wies darauf hin, dass die Erwartungen, die einst in Telearbeit gesteckt wurden, sich nicht erfüllt haben – auch wenn es technisch möglich wäre. "Es gibt nicht viele, die in idyllischen Bauernhöfen auf dem flachen Land Teleworking machen. Der Wunsch, Fahrtzeiten zu minimieren, verstärkt eher den Trend zum Zentrum, doch das Leben in den Ballungsräumen wird zum Privileg der Wohlsituierten. Dafür werden die sozial Schwächeren an den Rand gedrängt. Und das sind oft die Berufe wie Krankenschwestern und Feuerwehrleute, die keine Telearbeit machen können."

Dennoch kommen Stadtplaner, Bauträger und Architekten nicht darum herum, sich mit dem Thema auseinandersetzen. "Die Geschwindigkeit der IT ist so groß, dass wir alle zu E-Workern werden – nicht permanente, aber alternierende und supplementäre Teleworker, die am Wochenende zu Hause E-Mails abrufen und arbeiten", sagte Kopf. Darauf müsse man bei der Wohnungsplanung Rücksicht nehmen.

Leerrohre und Nischen

Das tut das Österreichische Siedlungswerk (ÖSW) schon seit Jahren, wie dessen Geschäftsführer Michael Pech betonte. Leerrohre für die Verkabelung in allen Zimmern seien bereits Standard, und in Vier-Zimmer-Wohnungen würden die beiden Kinderzimmer in unterschiedlicher Größe geplant, damit eines als Arbeitszimmer herhalten könne. Bei der neuen Wohnanlage in Monte Laa gibt es Arbeitsnischen mit Oberlichten im Flurbereich. "Wer arbeitet, soll nicht im Wohnzimmer sitzen, während die anderen fernsehen", sagte er.

Doch das Ziel ist die räumliche Trennung von Arbeiten und Wohnen bei gleichzeitiger Nähe. "Wer wirklich zu Hause arbeitet, soll ein paar Schritte von der Wohnung hinausgehen", forderte Pech. Dies erfordert eine Durchmischung von Wohn- und Arbeitsräumen, was allerdings durch die Förder- und Regellandschaft erschwert wird.

In die gleiche Kerbe schlug Bernd Rießland, der sich als Geschäftsführer des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) mit solchen Fragen beschäftigt. Er sieht mit dem Übergang von der Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft eine Aufweichung der einst so strikten Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsgebieten. "Wir kehren zu einer Funktionsmischung zurück, in der Wohnen und Arbeiten näher aneinanderrücken. Aus stadtpolitischer Sicht bringt eine solche Durchmischung höhere Frequenzen und senkt dadurch die Kriminalität. Das erhöht die Lebensqualität", sagte Rießland.

Doch all das erfordere ein Umdenken – beim Gesetzgeber, bei den Bauträgern und sogar bei den Banken, die Wohn- und Geschäftsprojekte intern strikt trennten. "Alle sagen: Nur nichts vermischen, denn das bringt neue Risiken, aber genau dort müssen wir hin", forderte Rießland. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.3.2007)

  • AMS-Vorstand Johannes Kopf sieht immer mehr "alternierende Teleworker" um sich herum.
    foto: standard/newald

    AMS-Vorstand Johannes Kopf sieht immer mehr "alternierende Teleworker" um sich herum.

  • Laut Theodor Österreicher (GBV) geht kein einziges Gesetz auf das Problem ein.
    foto: standard/newald

    Laut Theodor Österreicher (GBV) geht kein einziges Gesetz auf das Problem ein.

  • Bawag-Chef Ewald Nowotny ist durch die Cerberus-Übernahme "zum Teleworker geworden".
    foto: standard/newald

    Bawag-Chef Ewald Nowotny ist durch die Cerberus-Übernahme "zum Teleworker geworden".

  • Michael Pech (ÖSW) will beim Wohnen und Arbeiten Trennung und Nähe kombinieren.
    foto: standard/newald

    Michael Pech (ÖSW) will beim Wohnen und Arbeiten Trennung und Nähe kombinieren.

  • Bernd Rießland (WWFF) glaubt, dass die Durchmischung die Lebensqualität erhöht.
    foto: standard/newald

    Bernd Rießland (WWFF) glaubt, dass die Durchmischung die Lebensqualität erhöht.

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