Der "Staatskünstler" - eine Legende

24. Juli 2000, 18:55

Betrifft: "Mutmaßungen über die EU-Werteordnung" von Karl Acham, STANDARD 22. 7.
Im Kommentar der anderen von Prof. Karl Acham musste ich wieder einmal das Wort "Staatskünstler" lesen. Diese Benennung ist ein Versuch, Künstler meiner Generation, die sich ihrer selbst als politisch Denkende und Wirkende bewusst sind, zu diskriminieren, indem man ihnen eine Nähe zu den Staatsorganen unterschiebt, die meines Wissens nach nur in der Fantasie von Leuten ohne Einblick in die tatsächlichen Vorgänge der Kunstproduktion existiert. Wenn Sie, Herr Professor Acham, sagen, dass besagte Staatskünstler sich vor "versammelter Ministerriege" bedanken, so weiß ich keinen konkreten Fall, auf den sich das beziehen sollte. Vielleicht könnten Sie Namen nennen.

Es ist wohl wahr, dass Sozialdemokraten die Toleranz gegenüber Künstlern, die ihnen und dem Staat Widerspruch entgegensetzten, in ihren Reden beschworen haben. Daneben haben sie, so wie alle, die Macht ausüben, diese Toleranz manchmal aber auch vermissen lassen (ich denke da an Versuche, Zensur auszuüben im Falle meiner Arbeitersaga, was aber zum Glück misslungen ist).

Dass jene Künstler, die in diesen Jahren die Zustände in unserem Land kritisierten, von diesen Sozialdemokraten abhängig gewesen sein sollten, oder gar in ihrem Lohn gestanden wären, ist eine Legende, mit der jene, die der neuen Regierung näher stehen, die sachliche Kritik an der FPÖ ins tagespolitische Gezänk herunterzuziehen versuchen. Diese Legende stimmt schon deswegen nicht, weil Künstler nicht für die Regierung arbeiten, sondern für den ORF, für das Theater, für Ausstellungen, Konzerte usw.

Dass alle diese Institutionen in direkter Abhängigkeit zu SPÖ-Ministern gestanden wären, und von diesen Befehle entgegengenommen hätten, ist eine der naiven und volkstümlichen FPÖ-Interpretationen, die der Aufhetzung dienen, und entspricht eher dem Wunschdenken jener, die Kunst nun gerne in ihre Abhängigkeit bringen würden, selbstverständlich unter dem moralischen Titel "ideologiekritischer Wachsamkeit".

Wenn man also, wie Professor Acham, die Meinung vertritt, dass diese unsere jetzige Regierung sich auf eine Mehrheit der Stimmen stütze und deshalb alle moralische Erregung der von ihm als "Grünpazifisten" Beschimpften fehl am Platz sei, dann sollte man doch bedenken, dass ein Teil dieser Stimmen von jenen Wählern stammte, denen Herr Schüssel immer wieder versichert hat, dass er in die Opposition gehe, wenn Haider mehr Stimmen habe als er.

Die Kritik an der vorsätzlichen Täuschung des Wählers gehört wohl jener Moral und Ideologie an, der man nun nicht kritisch genug gegenüberstehen kann.

Dieter Berner, Regisseur ("Alpensaga", "Arbeitersaga"), lebt in Wien; sein Film "Die Verhaftung des Johann Nepomuk Nestroy" nach einer Novelle von Peter Turrini wird am nächsten Nationalfeiertag im ORF ausgestrahlt.

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