"Ich war ein Nichts, ein Niemand"

15. März 2007, 14:25
49 Postings

1968 wurde die Ungarin Katalin Zauner Ehefrau eines Wieners – Im derStandard.at-Interview beschreibt Sie die Probleme einer emanzipierten Frau in einem konservativen Land

Katalin Zauner heiratete als 24-Jährige einen Österreicher und zog vom südungarischen Szeged zu ihm nach Wien. Dass es ihr am Anfang nicht leicht fiel, sich hier zu integrieren, läge in erster Linie an Auffassungsunterschieden darüber, wie sich hierzulande eine Frau zu benehmen hätte. Im derStandard.at-Interview mit Thomas Bergmayr beschreibt die pensionierte Juristin, wie sie sich von einem ehemals gleichgestellten Menschen im kommunistischen Ungarn zu einer schweigenden Hausfrau im Österreich der 60er Jahre degradiert fühlte.

* * * * *

derStandard.at: Sie haben Ende der 60er Jahre in Ungarn einen Österreicher geheiratet. Wie ging das damals mit der österreichischen Staatsbürgerschaft vor sich?

Zauner: Eigentlich wollte ich die Staatsbürgerschaft zunächst gar nicht beantragen. Was ich brauchte, war ein so genanntes Vor-Visum, einen Vermerk in meinem ungarischen Pass, damit ich nach Österreich einreisen darf. Was ich aber stattdessen bekam, war gleich der österreichische Reisepass.

derStandard.at: Und den erhielten Sie prompt und unverlangt?

Zauner: Ja, ich war darüber ziemlich verblüfft. Ich musste mir die Unterlagen nicht einmal persönlich abholen, das wurde mir alles per Post zugestellt, und zwar ziemlich schnell. Ich hatte am 28. August 1968 meinen österreichischen Mann geheiratet, am 16. September hielt ich bereits die österreichische Staatsbürgerschaft in Händen.

derStandard.at: Sie sind dann bald nach Wien zu ihrem damaligen Mann übersiedelt. Ist Ihnen der Wechsel schwer gefallen?

Zauner: Sehr sogar, obwohl ich das am Anfang gar nicht so recht begriffen habe. Innerhalb kürzester Zeit bemerkte ich ein Gefühl der Beklemmung, einen Drang, den ich nicht zuordnen konnte. Erst das Gespräch mit einem Arzt machte mir klar, was mit mir los war. Ich litt schlicht und einfach an Heimweh. Darauf wäre ich alleine gar nicht gekommen, ich kannte dieses Wort ja nicht einmal.

derStandard.at: Sie lebten in einer verhältnismäßig geringen geographischen Entfernung zu Ihrer ursprünglichen Heimat. Wie sah es mit den Distanzen zwischen Ihnen und Ihrem damaligen Ehemann aus, was Ihrer beider Auffassungen betraf?

Zauner: Am schlimmsten war für mich, dass ich als Frau hier in Österreich plötzlich keine Bedeutung mehr hatte, ich war ein Nichts, ein Niemand. Das hatte weniger mit den Ländern an sich zu tun, als mit den Unterschieden in den politischen Systemen. In dem kommunistischen Land, aus dem ich kam, hatten Frauen im Grunde denselben Stellenwert wie Männer. Zuhause hatte ich nie das Gefühl, dass ich minderwertiger bin als ein Mann; dieses Thema gab es in Ungarn gar nicht, weder in der Ausbildung, noch im Berufsleben.

derStandard.at: Denken Sie, dass diese Haltung an Ihrem Mann lag, oder war die Stimmung Ende der 60er Jahre in Österreich generell frauenfeindlich?

Zauner: Das war schon etwas Österreichisches, denke ich. Immerhin war mein Mann das Kind seines Systems; so wie ich das nicht akzeptieren konnte, mich unterzuordnen, so konnte auch er sich nicht von heute auf morgen um 180 Grad drehen.

derStandard.at: Wie hat sich das in Österreich in Ihrem Alltag ausgewirkt?

Zauner: Was diese Gleichstellungs-Sache betraf, hatte ich mit meinem Ex-Mann viele Konflikte auszutragen. Er war sehr konservativ und absolut gegen die Gleichstellung, aber ich konnte so nicht leben: immer schweigen und nichts sagen dürfen. Ich habe dann auch mein juristisches Diplom hier nostrifizieren lassen und wollte in diesem Bereich auch wieder arbeiten. Mein Mann war darüber natürlich total empört. Gemacht habe ich es trotzdem. Schließlich bekam ich bei der Gemeinde Wien im Bereich Umweltschutz als Verwaltungsjuristin eine Stelle.

derStandard.at: Haben auch andere aus Ihrem Umfeld so auf Sie reagiert?

Zauner: Ja, auch die Frauen im Haus, die Nachbarinnen, haben das zunächst nicht verstanden. Die sind ja größtenteils bei ihren Kindern zuhause geblieben und haben sich gewundert, dass ich mich gewehrt habe und mich traute, immer dagegen zu reden.

derStandard.at: Sie haben sich später wieder von Ihrem Mann getrennt. War dafür der Gleichstellungs-Konflikt ausschlaggebend?

Zauner: Das hatte natürlich auch andere Gründe, aber als unsere beiden Töchter mit dem Schulbesuch begannen, wurden unsere Probleme allmählich unüberbrückbar. Wir hatten einfach zu unterschiedliche Auffassungen in der Erziehung. Mein Mann warf mir vor, ich würde unsere Töchter zu Emanzen machen. Aber das war natürlich Unsinn; wie soll ich ein fünfjähriges Kind zur Emanzipation erziehen? Dank der Frauenbewegung hat sich in Österreich Gott sei Dank viel verändert, dieses Umdenken hat aber seine Zeit gebraucht.

derStandard.at: Gab es in der Emanzipations-Frage auch eine Entwicklung in Ihrer ursprünglichen Heimat?

Zauner: Oh ja, allerdings hat sich die Situation dort eher zum schlechteren verändert. Seit der Öffnung haben viele Frauen meiner Ansicht nach viel an Selbstwertgefühl wieder eingebüßt – oft im Tausch gegen einen Mercedes. Ich könnte jedenfalls dort nicht mehr leben.

derStandard.at: Was hat diese Änderung ausgelöst?

Zauner: Ich glaube, es war letztlich das Geld. Jeder hat am Anfang der Wende wer weiß was erwartet. Heute habe ich das Gefühl, dass viele Menschen dort verbittert, neidig und teilnahmslos geworden sind.

derStandard.at: Sehen Sie diese Gleichstellungs-Problematik auch heute noch in binationalen Ehen?

Zauner: Ja, sicher; nur heute sind die Rollen vertauscht: Nehmen sie beispielsweise einen jungen Mann aus einem Land, in dem Frauen weniger Rechte haben. Wenn er hier eine Frau heiratet, dann trägt die Frau die Verantwortung. Sie muss für beide das Geld verdienen und sich um alles kümmern. In einer solchen Situation leidet das Selbstwertgefühl, so wie das bei mir damals der Fall war.

derStandard.at: Wenn Sie die Situation von AusländerInnen in Österreich heute mit jener vor über 30 Jahren vergleichen, welche Unterschiede sehen Sie?

Zauner: Damals war die Bereitschaft AusländerInnen einzustellen viel größer. Die Gemeinde Wien etwa hat zu meinem Glück vielen AusländerInnen die Möglichkeit zur Arbeit gegeben. Ich kenne einige Ungarn, die 1956 geflüchtet sind und hier auch höhere Posten bekommen haben. Aber ich glaube, dass sich die Stimmung generell verschlechtert hat.

Als in der Nähe ein Integrationshaus eröffnet werden sollte, beklagte sich beispielsweise ein Nachbar, dass sich nun ausländisches Gesindel hier herumtreiben werde. Dass ich auch gebürtige Ungarin bin, ließ er nicht gelten. Das sei ja etwas anderes, meinte er. Sie sehen, es werden inzwischen auch unter den AusländerInnen Unterschiede gemacht. Ich glaube, diese Haltung ist ein Resultat der Angst, die vor allem die PolitikerInnen geschürt haben.

derStandard.at: Pflegen Sie immer noch Verbindungen zur alten Heimat?

Zauner: Ja, ich höre oft ungarisches Radio, da ich wissen will, was dort so passiert. Ich habe auch ein kleines Haus in Ungarn, zu dem ich seit meiner Pensionierung immer wieder gerne fahre. Außerdem treffe ich mich auch hin und wieder mit Landsleuten. Warum soll ich auch meine Wurzeln aufgeben? Ich will mich nicht assimilieren und alles aufgeben, was mit meiner Heimat zu tun hat, auch wenn das heutzutage offenbar immer mehr verlangt wird.

derStandard.at: Gaben Sie diese Wurzeln auch an Ihre Töchter weiter?

Zauner: Ja, das war mir schon wichtig. Meine Töchter können beispielsweise perfekt Ungarisch. Als meine Eltern noch lebten, haben wir sie immer wieder besucht. Mein Vater war Lehrer und hat ihnen von klein auf die Sprache beigebracht. Dafür sind sie mir heute noch dankbar.

derStandard.at: Sind Sie gerne Österreicherin?

Zauner: Ja, Österreich ist meine zweite Heimat geworden; ich liebe das Land und die Menschen hier, sie sind den Ungarn sehr ähnlich. Eine Freundin, die selbst ausländische Wurzeln hat, meinte einmal, Österreich ist ein richtiges Operettenland: Immer viel Wirbel um nichts und am Ende erledigt sich alles von selbst. Nicht umsonst hat die Operette hier ihren Ursprung. (Thomas Bergmayr/derStandard.at, 14.3.2007)

  • Zur Person

Katalin Zauner (63) stammt aus dem südungarischen Szeged und kam Ende 1968 nach Wien. Vor ihrer Pensionierung war die ausgebildete Juristin bei der Gemeinde Wien angestellt. Zauner hat zwei erwachsene Töchter.
    foto: thomas bergmayr

    Zur Person
    Katalin Zauner (63) stammt aus dem südungarischen Szeged und kam Ende 1968 nach Wien. Vor ihrer Pensionierung war die ausgebildete Juristin bei der Gemeinde Wien angestellt. Zauner hat zwei erwachsene Töchter.

Share if you care.