Wirtschaften mit der Natur

19. Oktober 2007, 18:50
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Über das schwierige Verhältnis von Umwelt, Wirtschaft und Sozialpolitik in Namibia - Ein Bericht aus dem Afrika-Magazin Indaba

Vor hundert Jahren wurden in der deutschen Kolonie Südwestafrika die ersten Nationalparks gegründet. In den Mittelpunkt der Jubiläumsfeiern stellt das unabhängige Namibia heute ökologische Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Entwicklung – Herausforderungen, mit denen das junge Land schwer zu kämpfen hat. Andreas Burghofer analysiert in der aktuellen Ausgabe des Afrika-Magazins Indaba.

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Nach der Schließung der Zinnmine Uis am Rande der Wüste Namib, nahe dem Brandberg, dem höchsten Gebirgsmassiv Namibias, zogen die leitenden Angestellten und Techniker der Minengesellschaft weg und überließen die blühenden Gärten vor ihren Häusern der sengenden Sonne. Bald waren von dem zuvor liebevoll bewässerten Grün nur noch braune Gerippe übrig – mit einer Ausnahme: Den Köcherbäumen, einer für die Wüsten Namibias charakteristischen Baumaloe, konnte die Trockenheit nichts anhaben.

Was für die Geisterstadt Uis im Kleinen galt, ist auch für Namibia insgesamt gültig: Die von den Europäern nach Namibia mitgebrachte Wirtschaftsweise ist nur ausnahmsweise den dort herrschenden Bedingungen angepasst. Im Regelfall ist es eher ein Wirtschaften gegen die Natur, das, wie historische Untersuchungen zeigen, bereits zu schweren ökologischen Schäden geführt hat.

Dabei gehört Namibia nicht im eigentlichen Sinne zu den Ländern mit Wassermangel: Dank der großen Fläche und der niedrigen Bevölkerungsdichte ist die Wassermenge, die pro Einwohner zur Verfügung steht, größer als in vielen Mittelmeerländern. Allerdings ist die (potentielle) Verdunstung überall größer als der Niederschlag, und die Niederschläge sind von Jahr zu Jahr höchst variabel.

Konzept des Grundbesitzes

Letzteres führt dazu, dass die auf dem europäischem Konzept des Grundbesitzes basierende Form der Bewirtschaftung den natürlichen Begebenheiten unangepasst ist. Die Viehzüchter der vorkolonialen Zeit haben das Problem durch eine nomadische Wirtschaftsweise gelöst: Die Viehherden wurden dorthin getrieben, wo reichlich Regen gefallen war. Die Europäer versuchten das Problem zu umgehen, indem sehr große Farmen errichtet wurden, auf denen es immer irgendwo ausreichend Niederschläge gibt.

Dieser Ansatz stößt auf verschiedene Probleme. Eines davon hat mit der starken Verdunstung zu tun: Die Bodenfeuchte in oberflächlichen Schichten verschwindet nach Niederschlägen schnell. Dadurch haben tiefwurzelnde Pflanzen tendenziell einen Wachstumsvorteil. Tiefwurzler sind aber als Weidepflanzen für ‚europäische‘ Nutztiere weniger geeignet – einerseits, weil es sich oft um dornenbewehrte Büsche handelt, andererseits, weil tiefwurzelnde Gräser einen großen Teil ihrer Energie in die Wurzelbildung investieren. Werden die flachwurzelnden Gräser nach Regenfällen zu stark beweidet, kann in der nächsten Regenzeit ein größerer Teil des Wassers in tiefere Bodenschichten eindringen und das Gleichgewicht kippt. Die Tragfähigkeit der Böden im ökonomischen Sinne sinkt dramatisch.

Landreform

In Namibia politisch besonders brisant: das Thema Landreform. Gemeinhin wird das Scheitern von Initiativen zur Umverteilung auf mangelnde landwirtschaftliche Erfahrung oder Ausbildung der neuen Farmer zurückgeführt. Im Falle Namibias gilt dies aber nur in geringem Maße: Eine Umverteilung im klassischen Sinne ist aus den erwähnten Gründen schlicht unmöglich. Wenn eine solche funktionieren soll, müssen völlig andere Bewirtschaftungsmodelle entwickelt werden.

In jüngster Vergangenheit ist das auch geschehen, aber in einem gänzlich anderen Kontext, nämlich zur nachhaltigen Entwicklung der bereits erwähnten ehemaligen ‚Homelands‘. Das Stichwort dafür ist Conservancies, genossenschaftsartige Projekte, bei denen die Erhaltung von Traditionen, angepasster Tourismus und Naturschutz im Mittelpunkt stehen. Zu den ersten derartigen Conservancies gehörte die Nyae Nyae Foundation im ehemaligen Buschmann-Land, die wegen der Attraktivität des Themas ‚San‘ viel internationale Unterstützung fand, zugleich aber auch vor der sehr schwierigen Aufgabe stand, die Anforderungen des modernen Geschäftslebens mit der traditionellen Lebensweise der San zu verbinden. Dies gelang etwa durch Jagdtourismus, da die San als erstklassige Fährtenleser gelten und es daher für viele Trophäen-Jäger ein zusätzlicher Nervenkitzel ist, sich auf traditionelle ‚Buschmann‘-Weise an die Jagdbeute anzupirschen. Die Erfolge dieses Konzeptes sind inzwischen beeindruckend, wenn auch nicht uneingeschränkt nachhaltig, etwa wenn für Fly-In-Safaris Landepisten bei entlegenen Dörfern gebaut werden.

Wasser

Mit Landwirtschaft und Umwelt verbunden ist auch das Thema Wasser: Namibia hat ein ausgefeiltes System von Dämmen, Brunnen und Wasserleitungen, die dafür sorgen, dass die Wasserversorgung der Städte überraschend zuverlässig ist. Die Wasserversorgung basiert zum Teil auf Aquiferen, die aus den Nachbarländern kommen. Der Oranje-River an der Südgrenze wird wegen der immer dramatischer werdenden Situation in Lesotho und Südafrika wohl bald das Schicksal des Jordan teilen und zum Rinnsal verkommen. Doch auch die in Angola entspringenden Flüsse Kunene, Okavango, Chobe sowie der Zambezi dürften so wie das Grundwassersystem unter dem Ovamboland künftig immer weniger reichlich sprudeln.

Am Wasser hängt auch ein Teil der Stromversorgung Namibias, nämlich am Wasserkraftwerk Ruacana. Der Kunene, der das größte Gefälle und damit Energiepotential aller Flüsse in Namibia hat, dürfte aber auch am stärksten von der langfristigen Verringerung der Wasserführung betroffen sein. Umgekehrt verbraucht das Hinaufpumpen großer Wassermengen ins Hochland von Windhoek einen beträchtlichen Teil der namibischen Stromproduktion. Alternativen zur Stromerzeugung aus Wasserkraft gibt es im Grunde reichlich: Dezentral wird bereits seit zwei Jahrzehnten Solarstrom erzeugt, der allerdings sehr teuer ist.

Wind- und Wellenenergie

Im Süden Namibias wurde ein großes Offshore-Erdgasfeld entdeckt, das am wirtschaftlichsten zur Stromerzeugung genutzt werden könnte. Da Erdgas relativ geringe CO2-Emissionen verursacht und ein neues Kraftwerk die effizientesten am Markt verfügbaren Technologien einsetzen könnte, wäre dies auch vernünftig, um die derzeitigen Importe südafrikanischen Kohle-Stroms zu ersetzen und Namibias Klimabilanz zu verbessern. Weiters gibt es derzeit etliche Projekte zur Nutzung von Windenergie und Wellenenergie im Küstenbereich.

Ebenfalls zu den bedeutenden Wasserverbrauchern gehören Teile des namibischen Bergbaus. Namibia ist Standort einer der größten Uranminen der Welt, der Rössing Mine, und entwickelt derzeit ein weiteres Uranvorkommen. Da es sich in beiden Fällen um niedrigprozentige Erze handelt, muß das Uran in einem wasserintensiven Prozess extrahiert werden. Das gleiche gilt für den Navachab-Goldbergbau bei Karibib. Der Wasserverbrauch ist indes nur ein Aspekt der Folgen des Bergbaus. In Tsumeb, wo das Bleibergwerk in den 90er-Jahren aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurde, war es ein Tabuthema, die lokale Schwermetallverschmutzung anzusprechen.

Diamantenbergbau

Ein ganz anderes Umweltproblem verursacht der Diamantenbergbau im Offshore-Bereich im Süden des Landes. Ursprünglich wurden die Diamanten in der Wüste Namib gesucht, wo die Vorkommen aber erschöpft sind. Jetzt wird im Küstenbereich und seit einigen Jahren offshore gearbeitet. Dabei wird der Sand mit einer Art Staubsauger bis zum Felsgrund entfernt, da die spezifisch schwereren Diamanten in den untersten Sandschichten angereichert werden. Um die Diamanten abzutrennen, wird deren ölanziehende Eigenschaft genutzt. Durch dieses Verfahren wird nicht nur die Struktur des Meeresbodens vollständig zerstört, es entsteht auch eine weithin sichtbare Trübung durch die Feinfraktionen des aufgesaugten und gewaschenen Sandes.

Dies ist jedoch nicht der einzige und wohl auch nicht der wichtigste Grund für den seit Jahrzehnten beobachteten Niedergang der Fischbestände in der See vor Namibia. Die Region gehört zu den produktivsten Fischgründen der Welt, da dort nährstoffreiches, kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche tritt. Da kaltes Wasser mehr Kohlendioxid und Sauerstoff lösen kann als warmes, wachsen sowohl Algen als auch tierische Lebewesen außerordentlich gut.

In den 80er-Jahren führten Meeresbiologen die Probleme auf die Überfischung durch ausländische Fangflotten zurück: Die Besatzungsmacht Südafrika hatte damals die Fischereirechte meistbietend an Firmen aus Übersee, auch aus Europa, verschachert. Nach einem Jahrzehnt umfangreicher Schutzbemühungen ist das Gleichgewicht noch immer gestört: Während die Quallenpopulation massiv zugenommen hat, erholen sich die Fischgründe nicht. Die namibische Fischereiindustrie macht dafür die Robbenkolonien verantwortlich.

Tourismus

In jedem Falle zeigt das Beispiel, dass eine unbedachte Übernutzung von Ressourcen unerwartete Auswirkungen haben kann. Eine Erkenntnis, die auch die derzeit boomende Tourismusbranche im Auge behalten muss. Namibia hat in mancher Hinsicht frühzeitig Maßnahmen gegen eine Zerstörung von deren Grundlagen gesetzt. So wird schon seit den Tagen der Unabhängigkeit die Unsitte von Vierradfahrern, quer durch die Wüste zu kurven und dadurch die Landschaft zu verunstalten wie auch die äußerst langsam wachsenden Wüstenpflanzen zu zerstören, bekämpft. Auch die in anderen Ländern verbreitete Landschaftsverschandelung durch Hotelblöcke findet man in Namibia kaum.

Dessen ungeachtet haben touristische Einrichtungen unvermeidlich Folgen wie der hohe Wasser- und Energieverbrauch, vor allem im Verkehrssektor. Andererseits hat sich der Tourismus auf die Bemühungen zur Müllentsorgung ausgewirkt. Obwohl Recycling ein relativ teures Unterfangen ist, ist es, wohl auch durch die engen Kontakte nach Deutschland, weit verbreitet. Die Müllentsorgung entspricht weitgehend europäischen Standards. Trotzdem haben Umweltschützer seit Jahren auch immer wieder dieselben Kritikpunkte, darunter unter anderem das Plastikmüllproblem, verursacht von den Wasserflaschen, obgleich Leitungswasser generell von guter Qualität ist.

Namibia gehört, trotz der AIDS-Epidemie, zu den Ländern mit sehr hohen Geburtenraten. Es werden daher in den kommenden Jahrzehnten sehr viele junge Leute Arbeit suchen. Bereits jetzt ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch, und es wird großer Anstrengungen bedürfen, diese Herausforderung zu lösen ohne die Lebensgrundlagen künftiger Generationen zu zerstören. (Gekürzte Fassung. Der Volltext des Artikels erscheint in der aktuellen Ausgabe von Indaba.)

Zur Person
Andreas Burghofer ist Biologe und Vorstandsmitglied der Österreichischen Namibia-Gesellschaft, einer Partnerorganisation von SADOCC.
  • Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.
    foto: sadocc

    Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.

  • Beliebte Ausfligsziele für Touristen: die "Etosha-Pfanne" (oben) sowie   "Sossusvlei" (Foto unten), ein von Namibsand-Dünen umschlossenes Land in der Namib-Wüste.
    foto: reinhard weismann

    Beliebte Ausfligsziele für Touristen: die "Etosha-Pfanne" (oben) sowie "Sossusvlei" (Foto unten), ein von Namibsand-Dünen umschlossenes Land in der Namib-Wüste.

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    foto: reinhard weismann
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