Flotter Abend mit Nazis

12. März 2007, 21:30
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Das US-Musical "Cabaret" inszeniert von Michael Schottenberg: Viel Premierenapplaus erntete eine effektvolle Show mit geringer tragischer Fallhöhe

Wien - Der Anfang: Andeutungen eines Flugfelds im Nebel, eines offenen (Spiel-)Raums, in dem (noch) alles möglich ist, der sich aber in wenigen Kulissenbewegungen jäh in eine komfortable Beengtheit verwandelt. Berlin, Anfang der 30er-Jahre: Ein kleines Musikerensemble geigt auf im Kit- Kat Club, wo der US-Schriftsteller Cliff Bradshaw (Raphael von Bargen) zwar keinen ersten Satz für seinen Roman findet, aber dafür die tragische Liebe seines Lebens, die Sängerin und Tänzerin Sally Bowles (Maria Bill), mit der er bald auch ein schäbiges Pensionszimmerchen teilen wird.

Die Ingredienzien dieses Auftakts, der eine lange programmatische Durststrecke am Wiener Volkstheater nahezu vergessen lässt: eine gut geölte Theatermaschinerie (Bühnenbild: Hans Kudlich); effektvolle Choreografien (Susa Meyer); Michael Schottenberg als Regisseur, der den trashigen Charme seiner früheren Musicalerfolge bemüht; ein tanzfreudiges Ensemble, das diesem Charme offenkundig selbst erliegt; und last, but not least: die unzerstörbaren Songs von John Kander und Fred Ebb.

"Willkommen, Bienvenue, Welcome ...". Marcello de Nardo setzt als Conférencier in diesem Cabaret weniger auf den androgynen Charme des einst am Broadway und in Bob Fosses Filmadaption berühmt gewordenen Joel Grey. Sein Vorbild ist wohl eher Tim Curry als Dr. Frank N. Furter aus der Rocky Horror Show. Maria Bill wiederum, die mit Liza Minelli auch nicht gerade ein unbedeutendes Rollenvorbild aufzuweisen hat: "Die ,dersingt' des tadellos", hörte man Premierenbesucher anerkennend raunen. "Einfach berührend!" fanden viele die schnoddrige Romanze zwischen der Pensionswirtin Fräulein Schneider und dem jüdischen Obsthändler Schultz: Applaus für Hilde Sochor und Heinz Petters.

Und? In einem ersten Reflex mochte man sich, durchaus respektvoll, fragen, warum man Schottenberg, dessen Team mit dem Volkstheater bis dato wenig erfolgreich war, nicht stattdessen vor ein paar Jahren das Ronacher, ohne Umbaubedarf, überlassen hat. Ebendort wäre einer Produktion wie dieser wohl auch im Ensuite-Betrieb über mehrere Wochen und Monate lang großer Erfolg beschieden. Auch die Volksoper könnte gut mit einem altmodischen Musicalhit leben, in dem man nicht fragt, ob eine bald 60-jährige Darstellerin wie Maria Bill ein doch beträchtlich jüngeres Mädel spielen muss.

Bevor wir hier aber in die rätselhaften Wirrnisse des Wiener Theaterprogramms abgleiten und uns fragen, ob das alles etwas mit Kulturpolitik zu tun hat, sollten wir vielleicht doch anmerken: Schottenbergs Tanz auf dem NS-Untergangsvulkan, bei dem irgendwann sogar im Zuschauerraum Hakenkreuzfahnen gehisst werden - auf Dauer ist er in etwa so subtil wie die dazumals ja auch sehr erfolgreiche Bockerer-Verfilmung von Franz Antel. Hier böse Nazi-Schläger, da exotische Halbweltgeschöpfe, und dazwischen die von Hilde Sochor vorgetragene Erkenntnis, dass man aus seiner Haut nicht heraus kann: Die tragische Fallhöhe hält sich, gelinde gesagt, in Grenzen.

Wenn Bill am Ende "Life is a Cabaret" intoniert, überwiegt immer noch die Freude, "dass sie's dersingt". Dass hier jemand mit einer Kunst triumphiert, die zugleich Verderben ist: Wie sollte man es ahnen, wenn Bill in den Spiel- und Sprechszenen bestenfalls die Parodie einer jugendlichen Verliebten zum Besten gab? Gemessen an den Möglichkeiten des Stücks ist dieser flotte Abend medioker. Innerhalb der Limits, die man am Volkstheater mittlerweile als gegeben hinnimmt, dürfte er zum Hit avancieren.

Was für ein Erfolg. (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.03.2007)

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    "Cabaret" am Volkstheater: Hier etwa (v. li.) Andy Hallwaxx, Marcello de Nardo und Doris Weiner in der Inszenierung von Michael Schottenberg.

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