Heitere Vermählungsspiele

20. März 2007, 13:04
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Dirigent Franz Welser-Möst und Regisseur Sven-Eric Bechtolf präsentieren am Züricher Opernhaus Mozarts "Le nozze di Figaro"

Die auf heitere Leichtigkeit setzende Inszenierung kann jedoch mit der musikalischen Tiefe des Abends nicht ganz mithalten.


Zürich - Fast unmerklich schleichen sich die Streicher ins Ouvertüren-Gewirbel, mit satten Farben und trockenen Schlägen fahren Bläser und Pauken dazwischen. Franz Welser-Möst lässt das Orchester der Oper auf Akzente hinspielen, über nie bombastischem Bass und mit federnd leichter Höhe. Vieles hätte diese Musik ankündigen können: eine blitzschnelle, bittersüße Komödie etwa, eine scharfe Gesellschaftsstudie auch. Oder dann ein Märchen, in dem das Licht wie durch Zauber zum Schatten wird und umgekehrt.

Regisseur Sven-Eric Bechtolf, der mit Welser-Möst in Wien Wagners Ring vorbereitet, wählt noch einmal eine andere Richtung. Gezaubert wird zwar tatsächlich, aber nicht in metaphysischem Sinn: Der Conte bedient seinen Zauberkasten nämlich mit fast rührender Begeisterung. Er lässt Tüchlein aus der Hand quellen und Karten zusammenwachsen, dass es eine Freude ist. Bechtolf meint es ernst, wenn er sich gegen eine politische Lesart des Stücks ausspricht. Lustig soll sie sein, diese Oper, um nicht zu sagen: ein Schwank.

Rolf Glittenberg hat die entsprechende Bühne gebaut, mit vielen Türen für rasante Auftritte und Abgänge. Das Blumendekor der Wände, mit dem das Geschehen in einem späten Jugendstil situiert wird, ist noch nicht ganz fertig (zuletzt, wenn die Einheitsbühne sich in den Park zu verwandeln hat, ist es nicht mehr nur dekorativ). Und natürlich ist der Parkettboden abschüssig - wie in Bechtolfs Don Giovanni, dem wunderbaren Auftakt zur Zürcher Mozart-Da-Ponte-Trilogie, an den man sich nun wehmütig erinnert.

Kindischer Widerling

Denn von dem, was die Qualität dieses Don Giovanni ausmachte - vom cleveren Witz, den genau ausgespielten Beziehungen, der stringent erzählten Geschichte - bleibt hier nur die Lust an der Schauspielerei. Bechtolf, der Schauspieler, weiß sie zu vermitteln: Nicht nur dem Grafen Michael Volle, der genüsslich den kindischen Widerling gibt. Auch die anderen sind stark in ihren Demonstrationen von Hingabe und Ekel, Misstrauen und Erleichterung. Und in perfektem Timing liefern sie die Gags, die der Regie eingefallen sind.

Nur: Warum tun sie das? Wie kommen all die Leute in Figaros Schlafzimmer? Wieso verkleidet sich der Graf als Bär? Und warum wünscht sich die schöne, kluge Gräfin diesen Grafen zurück? Ihr "Dove sono i bei momenti" ist der emotionale Höhepunkt des Abends, Malin Hartelius singt es anrührend, ernst, man möchte die Zeit anhalten.

Es ist diese musikalische Tiefe, die Bechtolfs Regie so platt wirken lässt. Die Gräfin mit ihrem stilvollen Gesang und den entsprechenden Gewändern (Marianne Glittenberg) passt in keinen Schwank. Michael Volle hätte durchaus die Stimme eines Verführers, wenn er nicht dauernd mit blinkenden Lämpchen herumfuchteln müsste.

Und selbst Susanna, die Martina Janková mit komödiantischem Talent und strahlendem Sopran gibt, tut einem leid, wenn sie immer wieder die phallische Form der Bettpfosten vorführen muss. Die Geste würde eher zu Figaro passen, den Erwin Schrott gibt. Gel im Haar, knappes Unterhemd, ein Blick wie Rocky Balboa: Was Susanna an diesem selbstverliebten Prolo findet, bleibt schleierhaft. Das Interesse vieler Opernhäuser an diesem Sänger ist einleuchtender; Schrott ist ein freigiebiger Darsteller, er verfügt über einen kraftvollen Bariton, den er zuweilen aber zu nonchalant einsetzt. Ist doch alles nur ein Spiel ...

Dann muss noch das Happy End her, eines der schwierigeren: Wie die Paare nach all den Verwirrungen die Kraft zur Vergebung aufbringen, ist nie leicht zu begründen. Bechtolf tut sich nicht schwer damit. Sie verzeihen einander halt, und basta, setzen sie sich dann auf jene Karussellpferde, zwischen denen sie sich vorher versteckt hatten, und ruckeln im Takt des Finales. (Susanne Kübler aus Zürich/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.03.2007)

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  • Mozarts turbulenter "Figaro" am Züricher Opernhaus: Regisseur Sven-Eric Bechtolf verweigert sich der politischen Lesart des Stückes, lässt auf heitere Art und Weise ein paar Fragen offen.
    foto: züricher opernhaus

    Mozarts turbulenter "Figaro" am Züricher Opernhaus: Regisseur Sven-Eric Bechtolf verweigert sich der politischen Lesart des Stückes, lässt auf heitere Art und Weise ein paar Fragen offen.

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