Patriarch und EU-Beitritt der Türkei

13. März 2007, 16:00
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Bartholomaios und die auf wenige tausend geschrumpfte christlich-orthodoxe Gemeinde der Türkei sind ein nicht unwichtiger Faktor bei den Beitrittsbestrebungen der Türkei zur EU

Bartholomaios I., der "ökumenische Patriarch von Konstantinopel" ist nur nominelles Oberhaupt (genauer: Inhaber des "Ehrenprimates") und damit "erster unter Gleichen" aller Bischöfe der orthodoxen Weltkirche. Wirklichen Einfluss hat er auf etwa 3,5 Millionen griechisch-orthodoxe Gläubige, von denen der Großteil im östlichen Griechenland lebt. Auch die Mönchsrepublik auf dem Berg Athos gehört dazu. Dass der Patriarch dennoch von einiger Bedeutung ist, ergibt sich einerseits aus der Geschichte - der Patriarch von Konstantinopel leitete nach der Kirchenspaltung 1054 in Ost-und Westkirche tatsächlich gesamte Orthodoxie - und, ganz heutig-realpolitisch aus seiner Position innerhalb der Türkei.

Bartholomaios und die auf wenige tausend geschrumpfte christlich-orthodoxe Gemeinde der Türkei sind ein nicht unwichtiger Faktor bei den Beitrittsbestrebungen der Türkei zur EU. Dass dies bei der Verleihung des "Kardinal-König-Preises" durch die von König gegründete Stiftung "Communio und Progressio" und bei seiner Einladung nach Österreich eine Rolle spielt, darf man vermuten.

Die christlichen Kirchen haben in der von Kemal Pascha Atatürk als säkularen Staat ausgerichteten Türkei, die aber derzeit von der gemäßigt islamischen Partei des Premiers Erdogan regiert wird, kein leichtes Leben. Kirchlicher Besitz ist zum Großteil verstaatlicht, die Ausbildung von Priestern und das religiöse Leben insgesamt steht unter schärfster staatlicher Kontrolle. Insbesondere das Priesterseminar auf einer der Prinzeninseln im Marmarameer wurde enteignet und bisher nicht zurückgegeben.

Der Fall des Patriarchen von Konstantinopel ist zugleich der Fall der Religionsfreiheit im EU-Kandidatenland Türkei.

Das war einer der Gründe, warum Papst Benedikt XVI. den Patriarchen an seinem historischen Sitz im "Phanar" in Istanbul besucht hat. Die Verleihung des Kardinal-König-Preises wird als Ehrung einer "Persönlichkeit von internationalem Format" begründet, "die in beeindruckender Weise wichtige Impulse zur christlichen Ökumene und zum Religionsfrieden im zusammenwachsenden Europa gesetzt hat". Bartholomaios I. selbst ist ein massiver Befürworter des EU-Beitritts der Türkei, weil er sich davon eine Wende in der Haltung des türkischen Staates gegenüber der christlichen Religionsausübung verspricht. Tatsächlich ist diese Haltung ein klares Beitrittshindernis, weil sie mit den Freiheiten innerhalb der EU nicht vereinbar ist. Ironischerweise wären die "kemalistisch" geprägten türkischen Religionsbehörden angeblich für eine Lockerung zu haben - wenn sie dann nicht auch den eisernen Griff auf die islamische Geistlichkeit lockern müssten.

Die Einladung und die Preisverleihung (am dritten Todestag von Kardinal König) kann also sicher als ein Signal der österreichischen katholischen Kirche verstanden werden, wohl in Absprache mit dem Papst auf die Situation der Christen in der Türkei aufmerksam zu machen. Die von Kardinal König gegründete Stiftung "Communio et Progressio", die dem Dialog in Osteuropa dienen sollte, hat einen neuen Präsidenten , Bischof Egon Kapellari, und einen neuen Vizepräsidenten , den Journalisten und Herausgeber der Furche, Heinz Nußbaumer. Man will der Stiftung, die in "Kardinal-König-Stiftung" umbenannt werden soll, einen neuen drive geben - auch durch die Einladung des Patriarchen. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2007)

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